Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Die Ketzerin von Carcassonne: Historischer Roman (German Edition)

Die Ketzerin von Carcassonne: Historischer Roman (German Edition)

Titel: Die Ketzerin von Carcassonne: Historischer Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Tereza Vanek
Vom Netzwerk:
Gemahlin des Herrn dieser Stadt, was sie im gesellschaftlichen Rang unmittelbar hinter Esclarmonde stellte. Guilhabert de Castres begann von Neuem das Ritual, doch fiel es Adelind nun schwerer, der Darbietung völlige Aufmerksamkeit zu schenken. Esclarmondes Consolament hatte sie bewegt, weil sie wusste, welch wichtiger Augenblick es für die Gräfin war. Nun ertappte sie sich bei Überlegungen, ob Gott tatsächlich etwas gegen farbenprächtige Gewänder und klangvolle Hymnen hatte, durch die lange religiöse Zeremonien gefälliger wurden. Ratlos blickte sie zu Hildegard, die das Geschehen mit Tränen der Rührung in ihren Augen verfolgte. Das vertraute Nagen von Gewissensbissen setzte wieder ein. Sie beide waren noch keine Perfachas. Bei einer schlichten Zeremonie hatten sie die Bibel überreicht bekommen und vollzogen nun regelmäßig das Melhorament, ein dreifaches Niederknien vor Ursanne, um so ihren Status als Vollkommene anzuerkennen. Andernfalls hätte Adelind nicht die Verwaltung der domus übernehmen können, doch tat sie dies bereitwillig aus ganzem Herzen, da die blinde Ursanne ihr die weiseste und gütigste Person schien, der sie jemals begegnet war. Aber eben Ursanne meinte stets, Adelind sei noch nicht reif für das Consolament. Hildegard hätte bereits zur Perfacha geweiht werden können, doch wollte sie diese Zeremonie an Adelinds Seite vollziehen und wartete daher. Allein der Umstand, dass Ursanne auch Rosas Bitten bisher abgelehnt hatte, bewahrte Adelind vor dem Gefühl, in wesentlichen Dingen zu versagen.
    Da die Zeremonie sie nicht zu fesseln vermochte, ließ sie ihren Blick über die Versammelten wandern. Oben an der Tafel saß der okzitanische Adel, gefolgt von reichen Kaufleuten. Einfache Handwerker, teilweise Perfachs, oft nur Credentes, waren weiter unten platziert. Darunter befanden sich etliche Frauen wie sie selbst, die jenen Häusern vorstanden, die Esclarmonde und andere Damen des Adels nun mit Unterstützung der Fürsten dieses Landes an vielen Orten gegründet hatten. Es erleichterte Adelind, eine unter vielen zu sein. Sie fühlte sich weniger wichtig. Vielleicht konnte sie für einen Augenblick nach draußen gehen und sich diese wunderschöne Stadt anschauen, ohne vermisst zu werden.
    » Entschuldigt mich, ich muss zu den Latrinen « , flüsterte sie Hildegard und Rosa zu.
    » Willst du nicht warten, bis die Zeremonie vorbei ist? « , fragte die Schwester. Adelind beteuerte, einfach nicht warten zu können. Zum Glück saß sie nicht weit von der Ausgangstür entfernt, sodass sie rasch vor Rosas missbilligendem Blick fliehen konnte.
    Sie fand den Weg zurück in den Vorhof, wo Rosensträucher und Lilien die Luft versüßten. Sie verdrängte die Frage, ob alles, woran ihr Auge sich in diesem Augenblick erfreute, wirklich das Werk des Teufels sein konnte, und trat an dem freundlich grüßenden Wachmann vorbei ins Freie.
    Fanjau feierte den Moment seiner Wichtigkeit. Der Platz, auf dem vor einer Weile Pferde und Wagen zum Stillstand gekommen waren, war nun derart von Menschen überfüllt, dass kaum ein Gefährt noch hätte hindurchkommen können, ohne jemanden zu verletzen. Aus allen Richtungen erklang Musik und Gesang, betrunkene Gestalten torkelten durch die Menge, aber auch sehr schlichte Perfachs, denen der Eintritt in das große Haus wohl verwehrt worden war, standen in zerschlissenen Gewändern da, um lautstark zu predigen.
    » Und da traf ich einen Mann, der mir erzählte, in seinem früheren Leben ein Pferd gewesen zu sein « , verkündete ein hagerer, buckeliger Mann, der sich ein Stück neben Adelind auf einen Stock stützte. » Ich fragte ihn: Woher weißt du das denn? Und da erzählte er mir, er hätte in seinem Stall ein zerbrochenes Hufeisen gefunden und sich plötzlich erinnert, wie er einst auf einen spitzen Stein getreten war und dadurch nicht nur das Eisen beschädigt, sondern auch seinen Huf verletzt hatte. Noch konnte er die Hiebe des Knechts auf seinem Rücken spüren, der ihn erbarmungslos vorangetrieben hatte. So glaubt mir, ihr Leute, in jedem Tier kann die Seele eines Menschen stecken, und eure Seele wohnte vielleicht einst im Leib eines Tieres. «
    Die mit kräftiger Stimme und lebhaften Gesten vorgetragene Geschichte hatte schnell Zuschauer angelockt, sodass der Buckelige nun von einer Menschentraube umgeben war.
    » Ich will später als Gockel auf die Welt kommen « , lallte ein sichtlich angetrunkener Mann. » In einem Stall voll hübscher Hühner.

Weitere Kostenlose Bücher