Die Kuppel des Himmels: Historischer Roman (German Edition)
erwecken, als denjenigen, der ist, wer er ist. Michelangelo lächelte. War es nicht das, was die Philosophen und die Theologen das Wesen oder die Substanz nannten: das zu sein, was es ist. Er konnte es in der Tat kaum erwarten, in Rom einzutreffen und endlich anfangen zu dürfen. Manchmal ertappte er sich dabei, dass sich seine Hände rührten, als hielten sie Hammer und Meißel und würden nun die Skulptur aus der Luft schlagen.
»Wir hätten ihn zuunterst legen sollen, weil er der größte ist«, brummte der Kapitän.
»Damit er von den anderen Steinen gedrückt oder vielleicht angebrochen wird? Nein, aus dem da wird eine Figur, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat.«
Der Seemann spuckte aus und schwieg.
Francesco, der eine panische Angst vor dem Meer hatte, ließ sich von einem starken Arbeiter an Bord tragen. Um nichts in der Welt wäre er über das schmale Brett balanciert. Michelangelo rechnete es seinem Diener, der trotz der seltenen Entlohnung freiwillig bei ihm blieb, hoch an, dass er all das Ungemach über sich ergehen ließ. Im Grunde war der kleine Francesco der mutigste Mensch, den er kannte, weil er seine vielen Ängste ständig überwand.
»Messèr Michelangelo, lasst uns morgen auslaufen. Ich fürchte, wir geraten in einen furchtbaren Sturm«, sagte der Kapitän nachdenklich mit Blick auf die schwarze Wand, die sich seewärts aufbaute. »Es sind die Herbststürme.«
»Morgen werdet Ihr mir übermorgen sagen und übermorgen vielleicht … ach, lassen wir das. Ist das Schiff denn im Hafen sicher?«
»Das weiß niemand, aber wenigstens wir sind sicher.«
»Sicher sind wir nur in Gott. Wir stechen in See, ich muss nach Rom zurück! Ich kann nicht länger warten.«
Der Kapitän brummte einen unverständlichen Fluch, dann brüllte er: »Alles klarmachen zum Ablegen.«
»Alles klar, capitano «, echote der Bootsmann vom Hafenpier.
Der Bootsmann und die Matrosen, die an Land beim Verladen geholfen hatten, kehrten auf das Schiff zurück. Ein Junge von vielleicht sechzehn Jahren holte den Steg ein, wobei ihm der Bootsmann im Vorbeigehen gutmütig über den zerzausten Kopf strich.
»In drei Teufels Namen, Leinen los!«, befahl der Kapitän.
»Leinen los!«, rief der Bootsmann. Zwei Männer lösten die Seemannsknoten der Taue. Zwanzig Matrosen standen an der Reling und stießen das Schiff mit langen Stangen von der Hafenwand ab. Gemächlich drehte sich der Dreimaster Richtung Meer. Der Kapitän ließ das Sprietsegel setzen. Sogleich bauschte der Wind das kleine Segel auf. Langsam kam die caracca in Fahrt. Der Steuermann musste kreuzen, um den Wind im Segel zu behalten.
»Lateinersegel setzen«, befahl der Kapitän. Das dreieckige Segel am Besanmast, der sich hinter dem Großmast in den dunklen Himmel erhob, fing den Seitenwind besser auf. Die großen Rahsegel zu setzen wagte er noch nicht, erst wollte er sehen, wie es auf offener See sein würde. Sie segelten in die schwarze Wand aus hartem Regen wie in die Hölle. Und dabei war es erst Mittag. Francescos Nase nahm eine grüne Farbe an. Er kauerte sich an den Fuß der Treppe am Achterkastell, die zur Brücke führte, und betete unablässig.
»Du wirst nicht sterben«, fuhr ihn der Bildhauer an.
»Woher wisst Ihr das?«
»Weil es da oben steht«, sagte Michelangelo und wies zum Himmel.
»Ach, und Ihr könnt das lesen«, entgegnete ihm Francesco skeptisch.
An der ligurischen Küste hatten sie die Steine geladen, nun segelten sie durch das Tyrrhenische Meer Richtung Süden nach Ostia. Der Kapitän fuhr wegen des Sturmes weiter als gewöhnlich aufs Meer hinaus, weil er fürchtete, vom Sturm an die Küste oder gegen die Klippen gedrückt zu werden, die er wegen der schlechten Sicht zu spät wahrnehmen würde. Der Wind blies so kräftig, dass er weiterhin auf die Rahsegel verzichtete. Die Ladung der Steine und ihre Vertäuung hatte er persönlich überwacht. Es genügte, wenn ein einzelner Block ins Rutschen käme. Dann wäre es um Mann und Maus geschehen, denn der schwere Brocken konnte das Schiff entweder zum Kentern bringen oder die Holzplanken durchschlagen. So oder so würden sie sich am Meeresgrund wiederfinden.
Michelangelo wusste, dass es gegen alle Vernunft gewesen war, den Rat des erfahrenen Seemannes auszuschlagen, aber ihn hatte die Geduld verlassen. Böse Vorahnungen trieben ihn zurück nach Rom. Der Sturm nahm immer mehr an Kraft zu. Michelangelo gesellte sich zu dem Kapitän auf die Galerie. Jetzt, wo es entschieden war, dass sie
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