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Die Kuppel des Himmels: Historischer Roman (German Edition)

Die Kuppel des Himmels: Historischer Roman (German Edition)

Titel: Die Kuppel des Himmels: Historischer Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Sebastian Fleming
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des Grafen. Der Weg zur Rache war offen, er würde sich Zeit lassen. Zuerst wollte er den Dom errichten, um zu zeigen, dass die Fedeli noch lebten, auch wenn ihr Haupt deshalb ermordet worden war. Im Stillen schmiedete Bramante den Plan für sein Vernichtungswerk: Erst würde er den Kardinal töten, dann den Menschen. Manchmal war es gut, wenn die Karten offen auf dem Tisch lagen. Und er machte sich keinerlei Illusionen darüber, wie sich der Dominikaner verhalten würde. Giacomo il Catalano konnte nicht dulden, dass es Menschen gab, die wussten, dass er der Mörder des Grafen Giovanni Pico della Mirandola war, des größten Philosophen seiner Zeit.

29

    Carrara, Anno Domini 1505
    Der Regen walkte die Haut des Marmors, die Rücken der Arbeiter und die Gesichter der Seeleute unbarmherzig durch und scheuerte die Planken der kleinen caracca , die auf den Hafenwellen schaukelte. Das Schiff konnte sein Alter kaum verbergen, die Planken wirkten tüchtig seegegerbt. Michelangelo hatte natürlich den Reeder gewählt, der den geringsten Preis für den Transport verlangt hatte. Es war ihm gelungen, den Abbruch und Transport der Steine für fünfhundertfünfzig Dukaten zu erlangen.
    Von den restlichen tausend Dukaten aus der päpstlichen Anzahlung hatte Michelangelos Vater ein schönes Landgut erworben. Dieses sollte der Grundstock des Imperiums aus Grundstücken und Gebäuden werden, das Michelangelo zu errichten gedachte, um für sich und seine Familie den angestammten Platz in der Gesellschaft zurückzuerobern. Nie hatte er vergessen, weshalb er sich von Contessina trennen musste, nie den Schmerz über die Deklassierung überwunden.
    Deshalb hatte er mit der gut einhundertfünfzig Jahre alten caracca vorliebgenommen. Obwohl es längst auf Mittag zuging, blieb es unter der schwarzen Wolkendecke dunkel. Seit Tagen hatten sie kein Sonnenlicht gesehen. Die großen Steine wurden mithilfe eines aus Balken errichteten Kranes verladen, an dessen schwenkbarem Arm eine Seilwinde hing, in der Taue zusammenliefen. Der Kran, der einem nackten Baum glich, schwankte ein wenig unter dem Gewicht des Quaders, während sie die wertvolle Last vorsichtig in den Bauch des Dreimasters hinunterließen. Nun lag nur noch ein Quader am Verladeplatz, ein riesiger Block. Langsam zogen die Arbeiter den Koloss mittels der Winde hoch. Je höher sie ihn hievten, umso bedenklicher ächzte und wankte der Kran. Auf dem Achterkastell stand der Steuermann und sah dem Verladevorgang mit unbewegter Miene zu. Der Kapitän, der mit dem Rücken am Großmast lehnte, brüllte: »Langsam, langsam, langsam, ihr Hundesöhne! Wenn der Brocken aus den Seilen gleitet, zerschlägt er mir den Steven und die Planken. Langsam, hab ich gesagt! Ihr kommt noch früh genug auf eure Frauen!«
    Wie von Geisterhand getragen schwebte der Block in den Schiffsraum. Sie mussten verhindern, dass er zu pendeln begann, denn dann würde er außer Kontrolle geraten. Michelangelo ging über einen abgewetzten Laufsteg an Bord und trat neben den Kapitän, einen rothaarigen Kerl mit einer bläulichen Knollennase, untersetzt und muskulös.
    Hingerissen betrachtete der Bildhauer die vierzehn Steine, einer schöner als der andere, die ersten, die er auf ihrem Weg nach Rom begleiten würde. Die anderen kämen bald schon nach. Aus ihnen würde er die Siegesgöttinnen meißeln. Man konnte es ahnen, denn er hatte sie bereits im Steinbruch vor dem Transport bossiert. Den Abschluss bildete der Koloss, aus dem er den Moses erschaffen wollte. Langsam senkte sich der vorbearbeitete Marmor hinab, verfolgt von Michelangelos zärtlichem Blick.
    Er sah nicht den Quader, er sah bereits die fertige Figur, die er bald schon aus dem Stein befreien würde. Der erste Gesetzgeber. Mehr noch, der erste Mensch, der Gott wirklich begegnet war auf dem Berge Sinai. Mensch und Gott, was für eine atemberaubende Situation. Es musste ihn verändert haben. Und so wollte Michelangelo ihn erschaffen, sitzend, in der Ruhe des Mannes, der alles schon erlebt hat und der nicht mehr zweifelt und nichts mehr fürchtet, der die große und verzehrende Menschenangst vor dem Tod hinter sich gelassen hat, weil Gott in ihm lebt. Wonach Mystiker seit vielen Jahrhunderten strebten und ihr ganzes Leben dafür gaben – Gott persönlich gegenüberzustehen, ihn zu schauen, sich mit ihm zu vereinen –, das war ihm gelungen. Was hatte Gott auf die Frage, wer er sei, geantwortet? Ich bin, der ich bin. Genauso würde der Bildhauer seinen Moses

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