Die Letzte Spur
sicher. Hoffentlich jedenfalls. Denn der Kerl war das Allerletzte. Brutal und gewöhnlich.«
Angela hätte sie am liebsten geschüttelt. »Wo hast du die beiden getroffen?«
»Das war ganz in der Nähe. Gleich bei Woolworth hier um die Ecke. Ich hätte Linda zuerst fast gar nicht erkannt. Hierher zu uns kam sie ja nicht so aufgedonnert. Aber vor dem Kaufhaus … meine Güte, dachte ich, sie sieht aus als ob …« Sie sprach nicht weiter, biss sich auf die Lippen.
Angela erriet, was sie hatte sagen wollen, aus Pietät jedoch zurückgehalten hatte. »Sie sah aus, als ob sie auf den Strich ginge«, sagte sie.
Dawn wirkte verlegen. »Na ja. Also, ein bisschen schon. Aber den Eindruck bekam man vielleicht auch durch den Typ neben ihr. Der sah jedenfalls voll und ganz wie ein Zuhälter aus. Ich bin richtig erschrocken.«
»Wann genau war das?«
»Das ist noch gar nicht so lange her. Kurz vor Weihnachten, würde ich sagen. Ich war ja unterwegs, um Weihnachtsgeschenke zu kaufen. Mitte Dezember etwa.«
»Und du hast Linda angesprochen?«
»Nein, sie hat mich angesprochen. Hi, Dawn , sagte plötzlich jemand neben mir, und, wie gesagt, ich musste zweimal hinschauen, ehe ich Linda erkannte. Ich hatte den Eindruck, dass sie stehen bleiben und ein bisschen mit mir plaudern wollte, aber der Typ neben ihr war in Eile. Er zog sie einfach weiter.«
»Aber sie stellte ihn dir noch als ihren Freund vor?«
»Eigentlich nicht. Sie sagte etwas in der Art wie Na, wir haben es aber mal wieder eilig , ein bisschen ironisch, weißt du. Ich hab einfach angenommen, er ist ihr neuer Freund. Aber natürlich – genau weiß ich nicht, wie sie zueinander standen.«
»Seinen Namen hat sie nicht zufällig …?«
Dawn hob bedauernd die Schultern. »Nein, den sagte sie nicht. Es ging alles sehr schnell. Ich war ja auch total in Hetze. Es war meine Mittagspause, und ich wollte wenigstens noch ein paar Geschenke finden. Ich versuchte gar nicht, sie festzuhalten. Aber ich weiß, dass ich im Weitergehen dachte: O Gott, wo hat sie denn den her? Hoffentlich legt sie den schnell wieder ab. Der sieht ja richtig kriminell aus!«
Angelas Herz klopfte wie rasend. Da war sie. Die allererste kleine Spur. Ein Hinweis auf die neue Bekanntschaft, die es in Lindas Leben gegeben haben musste. Die Polizei war sicher gewesen, dass da jemand gewesen war. Der nichts mit ihrem Tod zu tun haben brauchte. Aber zu tun haben konnte.
»Dawn, das ist jetzt sehr wichtig«, sagte sie und merkte selbst, dass ihre Stimme vor Erregung schrill klang, »es ist sehr wichtig, dass du dich so gut wie möglich an Lindas Begleiter erinnerst. An jedes mögliche Detail, verstehst du? Die Polizei sucht nach diesem Mann, bisher aber ohne den kleinsten Hinweis auf seine Person. Meinst du, du kannst eine Beschreibung abgeben?«
Dawn wirkte alles andere als glücklich. »Ich weiß nicht … du meinst, bei der Polizei?«
»Ja. Bitte, Dawn. Ich gehe mit dir dorthin. Aber das ist der erste Anhaltspunkt, den es gibt.«
Sie kramte ihr Handy aus der Manteltasche, dazu die Karte von Inspector Fielder, die sie immer bei sich trug. »Ich rufe jetzt den ermittelnden Beamten an«, sagte sie, »vielleicht will er, dass wir gleich zu ihm kommen. Oder er kommt hierher.«
»Aber es ist mitten in meiner Arbeitszeit«, protestierte Dawn. »Samstags arbeite ich bis zwölf. Danach …«
»Das dauert zu lange«, sagte Angela. »Inspector Fielder wird mit deinem Chef sprechen. Du bekommst garantiert keinen Ärger, versprochen!«
Dawn sah nicht so aus, als schenke sie Angelas Worten großes Vertrauen. Sie schien es bereits schwer zu bereuen, nach draußen gelaufen zu sein und Lindas Schwester angesprochen zu haben.
Während Angela insgeheim dem Schicksal dankte, dass es sie an diesem Morgen genau hierher, zu Lindas ehemaliger Arbeitsstelle, geführt hatte.
Wenn es das Schicksal gewesen war. Angela war zwar recht gläubig, häufig jedoch im Zweifel, was die Frage eines Weiterlebens nach dem Tod betraf, aber plötzlich hatte sie das Gefühl, dass es Linda selbst gewesen sein konnte.
Vielleicht hatte der Geist ihrer toten Schwester ihre Schritte gelenkt.
4
Sie waren bis in die Gegend von Cambridge hinaufgefahren, über Landstraßen, die an diesem Samstagmorgen sehr leer und sehr sonnig waren. Marc Reeve fuhr schnell und sicher. Er wirkte gelöster als bei den anderen beiden Verabredungen, die sie gehabt hatten. Rosanna überlegte, dass es daran liegen mochte, dass er sich diesmal nicht
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