Die Letzte Spur
über ihren Anblick jetzt gefreut, nur gefreut. Er merkte, wie sein Ärger mehr und mehr schwand, sich in seinen wachsenden Sorgen auflöste, von ihnen geschluckt wurde.
Wo war Rob?
Hatte es Sinn, die Polizei zu verständigen? Wahrheitsgemäß würde er von dem Streit berichten müssen. Davon, dass Rob zu der Party gewollt hatte. Er konnte sich vorstellen, was ein Beamter daraufhin sagen würde: »Und da regen Sie sich auf? Der Junge hat die halbe Nacht gefeiert und sich restlos die Birne zugeknallt, und jetzt schläft er bei irgendeinem Kumpel seinen Rausch aus. Der taucht erst wieder bei Ihnen auf, wenn er sich ausgekotzt hat, jede Wette. Der gibt sich doch nicht die Blöße, jetzt auf dem Zahnfleisch angekrochen zu kommen.«
Und vielleicht war es auch so.
Vielleicht war es albern von ihm, sich derart sorgenvolle Gedanken zu machen.
Trotzdem, er wurde seine Unruhe nicht los. Im Gegenteil, sie schien mit jeder Minute stärker zu werden.
Und schließlich wusste er, dass ihm nur ein Ausweg blieb, wenn er nicht völlig den Verstand verlieren wollte. Gekränkt und wütend, hatte er es vor sich hergeschoben, war zu stolz – oder, wie er sich selbst jetzt eingestand: zu verbohrt – gewesen, den ersten Schritt zu tun, aber nun sprang er über seinen Schatten, weil er mit dem Rücken zur Wand stand.
Er ging zum Telefon und wählte Rosannas Handynummer.
»Eigentlich ist es verrückt«, sagte Rosanna, »wir haben nicht mal eine Zahnbürste dabei!«
»Gar nicht zu reden von einem Schlafanzug oder Wäsche zum Wechseln«, ergänzte Marc, »aber …« Er sprach nicht weiter, doch Rosanna nickte. »Nach London zurückzufahren hätte zu viel Zeit gekostet. Und ich platze sowieso fast vor Spannung.«
»Was glauben Sie, wie es mir geht«, sagte Marc. Seit dem Anruf von Brent Cadwick verriet sein Gesichtsausdruck heftigste Anspannung. Eine Spur. Nach fünf Jahren eine Spur. Die ins Nichts führen mochte, die ihm aber auch volle Rehabilitierung bringen konnte.
»Wenn die Frau in Northumberland wirklich Elaine ist«, hatte Rosanna gesagt, nachdem Cadwick aufgelegt hatte, »dann, das verspreche ich Ihnen, Marc, werde ich Nick zwingen, das alles als gigantisch aufgemachte Geschichte zu bringen. Cover wird Ihre Unschuld so lautstark propagieren, dass auch die anderen Zeitungen im Land nicht anders können, als nachzuziehen. Es wird dann in England niemanden mehr geben, der nicht weiß, dass Elaine Dawson lebt und dass Sie mit ihrem Verschwinden nichts zu tun gehabt haben.«
Und dann war sie, mitten auf dem Weg zurück von der Kirche, wo sie auf Cadwicks Anruf gewartet hatten, zum Auto stehen geblieben und hatte hinzugefügt: »Marc – und wenn wir gleich losfahren? Jetzt, von hier aus. Nach … Langbury, oder wie der Ort heißt? Und nachsehen, ob Cadwick die Wahrheit sagt?«
Auch Marc war stehen geblieben, hatte sie überrascht angesehen. »Jetzt sofort?« »Möchten Sie nicht wissen, ob diese geheimnisvolle Frau unsere Elaine ist? Also, ehrlich gesagt, ich weiß gar nicht, wie ich das aushalten soll: nach London zurück, dort übernachten, die nächsten Schritte besprechen …« »Und Sie meinen …«
»Wir steigen jetzt in Ihr Auto und fahren los. Es sei denn … Mögen Sie überhaupt mitkommen? Vielleicht haben Sie ja irgendetwas anderes vor?«
Er hatte den Kopf geschüttelt. »Nein. Ich habe nichts vor. Ich würde gern mitkommen. Ich hätte nicht gedacht, dass Sie mich fragen würden!«
»Sie sind der am stärksten Betroffene in der Geschichte. Kommen Sie. Haben Sie einen Straßenatlas im Wagen?«
»Hab ich. Wir finden Langbury. Wir finden Elaine, wenn sie es ist. Aber müssten Sie nicht Nick Simon Bescheid sagen?«
»Der meldet sich schon«, prophezeite Rosanna.
Er meldete sich tatsächlich, kaum dass sie das Dorf verlassen und den Weg in Richtung Autobahn eingeschlagen hatten.
Er war so aufgeregt, dass er schrie. »Und? Ich habe Cadwick deine Nummer gegeben. Hat er dich angerufen?«
Rosanna hielt ihr Handy ein Stück vom Ohr weg. »Schrei nicht so. Ja. Er hat angerufen. Er hat mir seine Adresse genannt. Elaine Dawson ist offenbar seine Untermieterin. Nick – ich bin schon auf dem Weg dorthin.«
Nick schnappte hörbar nach Luft. »Was?«
»Ich war sowieso schon auf der Höhe von Cambridge. Da dachte ich …«
»Entschuldige, du bist auf der Höhe von Cambridge? Und da bist du praktisch schon in Northumberland? Und denkst dir, du fährst einfach mal los und schaust dir diese Dawson an?«
»Nun, ich
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