Die Liebenden von Leningrad
blickte sich Alexander nach Tatiana um. Aber sie hielt sich abseits, und direkt neben ihr stand Vova, so dass ein Blickkontakt nicht möglich war.
»Du bist einfach ... oh, ich kann es nicht ...«, schluchzte Naira.
»Hör auf zu weinen, Naira Michailowna«, sagte Tatiana sanft. »Sieh doch, es geht ihm gut.« »Tania hat Recht«, bekräftigte Alexander. »Oh, du lieber Mann«, sagte Naira und berührte ihn am Arm. »Du hast eine so lange Reise hinter dir! Du musst ja ganz erschöpft sein.«
Er sah Tatiana an und sagte lächelnd: »Ich bin ein wenig hungrig.«
Sie erwiderte sein Lächeln nicht. »Natürlich. Lass uns gehen, damit du etwas zu essen bekommst.«
Für Alexander ergab ihr Verhalten keinen Sinn, und er wurde langsam ungeduldig. »Entschuldigt mich bitte!«, sagte er und trat auf Tatiana zu. »Kann ich einen Moment allein mit dir sprechen?«
Tatiana wich zurück und wandte ihr Gesicht ab. »Komm, ich mache dir etwas zu essen.«
Alexander hatte Mühe, sich zu beherrschen. »Können wir einen Augenblick miteinander reden, Tania?«, wiederholte er. »Natürlich!«, warf Naira ein. »Natürlich reden wir miteinander. Komm nur, Lieber, komm mit zu uns nach Hause!« Sie ergriff seinen Arm. »Das muss der schlimmste Tag deines Lebens sein.«
Alexander wusste noch nicht genau, was er von diesem Tag halten sollte.
»Wir werden uns um dich kümmern«, fuhr Naira fort. »Unsere Tania ist eine sehr gute Köchin.« Unsere Tania? »Ich weiß«, erwiderte Alexander. »Du bekommst etwas zu essen und zu trinken. Und dann reden wir. Wir erzählen dir alles. Wie lange bleibst du hier?« »Ich weiß noch nicht...«, sagte Alexander zögernd. »Ach, in der Aufregung habe ich das Nähzeug vergessen«, sagte Tatiana ausdruckslos und ging zum Tisch zurück. Alexander folgte ihr. Zoe lief neben ihm her, aber er sagte: »Zoe, ich möchte für einen Moment mit Tania allein reden.« Ohne ihre Antwort abzuwarten, beschleunigte er seine Schritte. »Was ist los mit dir?«, fragte er. »Nichts.« »Tania!« »Was ist denn?« »Rede mit mir!« »Wie war deine Reise?«
»Das meine ich nicht. Warum hast du mir nicht geschrieben?« »Warum hast du mir nicht geschrieben?«, gab sie zurück. »Ich wusste ja gar nicht, ob du noch am Leben bist.« »Das wusste ich von dir auch nicht«, erwiderte sie scheinbar ruhig. Doch sie war nur äußerlich gelassen. In Wahrheit war sie so aufgewühlt wie lange nicht mehr. Das wollte sie ihm aber auf keinen Fall zeigen.
»Du solltest mir doch mitteilen, ob ihr sicher hier angekommen seid!«, beharrte Alexander. »Erinnerst du dich nicht?« »Nein«, entgegnete Tatiana spitz. »Dascha sollte dir schreiben, Weißt du das nicht mehr? Aber sie ist gestorben.« Sie packte Nadeln, Garn, Knöpfe, Bänder und Schnittmuster in ihre Tasche.
»Dass Dascha gestorben ist, tut mir Leid. Sehr Leid ...« Alexander berührte ihren Rücken.
Tatiana zuckte zusammen. Tränen standen ihr in den Augen. »Mir auch.« »Was war denn passiert? Seid ihr noch aus Kobona hinausgekommen?«
»Ich ja«, antwortete Tatiana leise. »Sie nicht. Sie starb noch an dem Morgen, als wir dort ankamen.« »Oh Gott!«
Sie sahen einander nicht an und schwiegen.
»Es tut mir so Leid, Tatia«, wiederholte Alexander.
»Dich zu sehen macht die Erinnerung wieder lebendig. Die Wunden sind noch zu frisch ...« Sie blickte ihn an.
Langsam gingen sie zurück zu den anderen.
Vova schlug Alexander auf die Schulter und fragte: »Und wie ist die Lage an der Front? Wir haben gehört, dass sich unsere Soldaten nicht gut halten. Die Deutschen stehen wohl schon vor Stalingrad,«
»Das stimmt«, erwiderte Alexander.
Vova schlug Alexander noch einmal auf die Schulter. »Wir müssen unser Land unterstützen. Ich melde mich auch zur Armee. Ich werde nächsten Monat siebzehn.« »Die Rote Armee macht bestimmt einen Mann aus dir«, sagte Alexander und versuchte, fröhlich zu klingen. Als er sah, wie schwer die große Tasche mit dem Nähzeug war, wollte er sie Tatiana abnehmen.
»Danke, es geht schon. Du hast doch selbst so viel Gepäck.« »Ich habe dir etwas mitgebracht.« »Mir?« Tatiana sah ihn nicht an. Was war nur los? »Tania .,.?«
»Morgen gehen wir alle in die banya . Hältst du es aus, dich bis dahin nicht zu waschen?«, fragte Naira. »Nein. Ich wasche mich heute Abend im Fluss. Ich bin vier Tage lang mit dem Zug gefahren und ich habe mich schon viel zu lange nicht mehr waschen können.«
»Vier Tage!«, rief Raisa aus. »Der Mann war
Weitere Kostenlose Bücher