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Die Maechtigen

Titel: Die Maechtigen Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Brad Meltzer
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sanft über meine Wange streicht … ihre Hand, die über meine Brust gleitet und sich dann dem nährt, was ich in meiner Hose fühle.
    Im Rückspiegel sehe ich ein Meer von roten, flackernden Lichtern. Die Sirenen des Polizeiwagens habe ich überhaupt nicht mehr gehört, aber jetzt stehen sie schon zu zweit hinter uns und fordern uns auf, endlich weiterzufahren.
    Ich hole Luft und ziehe mich langsam zurück.
    »Fühlst du dich jetzt besser?«, fragt sie.
    »Das kannst du wohl sagen. Aber es macht mir trotzdem eine höllische Angst, dass wir immer noch auf dieser Brücke herumstehen.«
    Sie lacht kurz. Dann lässt sie sich auf ihren Sitz zurücksinken und … Es ist eine traurige, schweigende Beichte, die ich an ihr noch nie gesehen habe. Als hätte sich eine weitere Tür geöffnet. Allmählich begreife ich, dass sie viele davon hat – und dass ich endlich zu sehen bekomme, was dahinter liegt. »Wir alle haben Angst«, erklärt sie, als wir weiterfahren und die Brücke hinter uns lassen. »Dadurch merkst du, dass du lebst, Beecher. Willkommen in der Gegenwart.«
     
    »An der nächsten Kreuzung links abbiegen« , verkündet die weibliche Stimme des Navi mehr als eine Stunde später. » Das Ziel befindet sich links von Ihnen.«
    »Clemmi, wir sind da!«, rufe ich und bremse vor der roten Ampel. Ich warte auf Grün, damit ich dann in ihre kleine Straße abbiegen kann. Wie schon während der ganzen Fahrt, seit wir den Highway verlassen haben, werfe ich einen prüfenden Blick in den Rückspiegel. Es ist niemand zu sehen.
    Als wir in der Kleinstadt Winchester in Virginia ankamen, sagten mir das große Studentenwohnheim und die vielen jungen Leute mit Rucksäcken sofort, dass dies hier eine Universitätsstadt ist. Aber jede Universitätsstadt hat einen guten und einen schlechten Teil. Je weiter wir uns Clementines Wohngegend näherten, umso weniger Studenten waren zu sehen. Dafür säumten immer mehr mit Brettern verrammelte Reihenhäuser, viel zu viele leerstehende Fabriken und eine Pfandleihe die Straßen. Und eins steht fest: Pfandleihen findet man nie im guten Teil einer Stadt.
    »Clemmi, ich glaube, wir sind angekommen«, wiederhole ich, als ich in die dunkle Seitenstraße mit den schäbigen kleinen Reihenhäusern einbiege. Die meisten Straßenlichter sind zerstört. Im letzten Moment bemerke ich die Lichter eines Taxis, das genau in die Straße einbiegt, die wir gerade verlassen haben.
    Vor zwei Jahren hatte das Archiv ein literarisches Essen für einen Autor organisiert, der ein Buch über die Folgen von Angst und ihre Bedeutung in der Geschichte vorstellte. Er sagte, wenn man durch eine dunkle Gasse geht und im Nacken ein Kribbeln spürt, dann wäre das nicht einfach nur Unbehagen. Vielmehr wäre es ein biologisches Geschenk von Gott, das Geschenk der Angst, nannte er es. Wenn man dieses Geschenk ignoriert, wenn man durch die dunkle Gasse geht und sich einredet, es werde schon alles in Ordnung sein, dann erlebt man sehr schnell etwas weit Schmerzhafteres als ein Kribbeln.
    Ich bin in Gedanken immer noch bei unserem Kuss. Neben mir auf dem Beifahrersitz schläft Clementine tief und fest. Sie ist von der langen Fahrt erschöpft. Es ist schon spät und so still, dass ich ihre Atemzüge hören kann. Ich versuche die Hausnummern zu erkennen und fahre an einem Haus mit einer ausgehängten Tür vorbei. Am nächsten Haus steht ein handgeschriebenes Schild. »Nur PVC-Leitungen, es ist kein Kupfer im Haus.« Und ich höre nur, wie mir Gottes biologisches Geschenk sagt, dass ich hier nicht sein möchte.
    Hinter uns biegt ein Auto in die Straße ein. Offenbar überlegt der Fahrer es sich anders, denn es verschwindet wieder.
    »Sie haben Ihr Ziel erreicht« , verkündet das Navi.
    Ich beuge mich vor und kontrolliere die Hausnummer. 355. Das ist es. Ich lenkte den Mustang in die nächste freie Parklücke vor einem leer stehenden Reihenhaus. Auf der Terrasse steht ein durchgesessenes, altes Sofa. In so einem Haus habe ich auch einmal gewohnt. Damals, während meiner Collegezeit.
    Als ich den Schalthebel auf Parken stelle, berühre ich unabsichtlich Clementines Handtasche, die zwischen den Sitzen steht. Sie klappt auf. Ich sehe die Ecke einer violetten Brieftasche, einen Schlüsselbund und ein Stück Papier. Ich muss unwillkürlich lächeln. Selbst bei diesem schlechten Licht erkenne ich sofort, worum es sich handelt; es sind Clementine und ich auf einer Schwarzweißkopie des Fotos, das sie mir heute geschenkt hat. Ich habe das

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