Die Rose von Asturien
diesen Worten eilte Karl dem Knecht entgegen, der seinen Hengst herbeiführte und ihm den Steigbügel hielt. Während er aufstieg, dachte Karl kurz an seinen Sohn Ludwig, den Hildegardihm vor kurzem geboren hatte. Dieses Jahr hatte ihm nicht nur Katastrophen, sondern auch Freude geschenkt.
Bevor er aufbrach, hob er kurz die Hand. »Meine Krieger! Ihr werdet morgen unter dem Kommando des Bruders meiner Gemahlin weiterziehen, um die Sachsen zu schlagen. Doch bevor ihr es tut, trinkt einen Becher Wein auf das Wohl meines Sohnes Ludwig. Ich glaube, er wird einmal einen guten König für Aquitanien abgeben!«
»Da muss er aber noch ein bisschen wachsen. Bis jetzt passte der Kleine ja noch in eine Brotschüssel!«, rief einer der Männer.
Gelächter klang auf, und Karl musste trotz seiner Anspannung schmunzeln. Der Gedanke, Ludwig zum König von Aquitanien auszurufen, war ihm spontan gekommen, um dem Stolz der Edlen dieses Landes zu schmeicheln. Jetzt würde sich mancher überlegen, ob er sich einem Aufstand anschließen oder besser zu den Franken stehen sollte. Jeder Mann weniger, der in der Gascogne die Waffen gegen ihn erhob, war ein Gewinn.
2.
D
er König ritt schnell. Vorreiter sorgten dafür, dass stets frische Pferde für ihn und seine Schar bereitstanden. Auch mussten sie keinen Augenblick länger als nötig auf Essen und Nachtlager warten. Trotz aller Eile hielt Karl Ohren und Augen offen, doch zu seiner Erleichterung gab es keine Hinweise auf eine Erhebung. Die Edelleute, bei denen er übernachtete, berichteten zwar von Reitern, die nächtens durch das Land zogen, um Aufruhr zu predigen, doch denen wurden nur selten die Hoftore geöffnet.
Zwar hatte das Gerücht von Rolands Niederlage bereits die Runde gemacht, doch das rasche Erscheinen des Königs undseiner Reiter brachte etliche gascognische Edelleute dazu, erst einmal abzuwarten, wie sich die Lage weiter entwickeln würde. Karl gegenüber stritten sie die Teilnahme eigener Männer an der Schlacht vehement ab und behaupteten, der Angriff sei durch maurische Truppen erfolgt.
Karl hörte ihnen zu, gab vor, ihnen zu glauben, und sprach immer wieder davon, Aquitanien als Königreich an seinen neugeborenen Sohn zu vergeben. Im Grunde seines Herzens aber drängte es ihn, die Hütte zu erreichen, in der Philibert von Roisel gepflegt wurde, um zu erfahren, was sich tatsächlich zugetragen hatte.
Als er schließlich sein Ziel erreicht hatte, entdeckte er als Erstes zwei Hirten, die nicht so recht zu wissen schienen, ob sie sich in die Wälder schlagen oder näher kommen sollten.
Karl winkte ihnen zu und sah, wie sich ihre verkrampften Mienen entspannten. Einer von ihnen schlurfte heran und blieb vor ihm stehen. »Du bist doch der König. Ich habe dich gesehen, wie du vor etlichen Monaten nach Spanien geritten bist.« Da der Hirte nicht gewohnt war, mit hohen Herren zu verkehren, sprach er ihn so an wie den Anführer seines Stammes.
»Wie geht es Philibert von Roisel?«, fragte Karl, ohne auf die Worte des Mannes einzugehen.
Der Hirte kniff die Augenlider zusammen. »Dass es sich um einen hohen Herrn handelt, haben wir nicht gewusst. Er war mit einem Knaben unterwegs. Ich habe ihn gefunden und mit meinem Freund zusammen hierhergebracht.«
»Ein Junge war bei ihm, sagst du?«
Der Hirte nickte. »Ja, aber den hat er nach ein paar Tagen losgeschickt. Ich glaube, der Junge sollte nach Spanien gehen, um dort nach jemandem zu forschen.«
»Es haben also mehr Leute überlebt.« Karl atmete insgeheim auf, auch wenn die Zahl nur äußerst gering sein konnte. Wäremehr Kriegern die Flucht gelungen, hätte man diese längst gefunden.
»Ich will Philibert sehen!« Karl trat auf die Tür zu, die der Hirte blitzschnell aufriss. Das Innere der Hütte war eng, düster und vom Qualm des Herdfeuers erfüllt. Daher benötigte der König einige Augenblicke, bis er die Lagerstatt entdeckte, auf der Philibert lag. Dieser hatte ihn bereits erkannt und wollte sich erheben, doch Karl streckte abwehrend die Hand aus.
»Bleib liegen! Oder willst du, dass deine Wunde aufplatzt? Dies wäre nicht in meinem Sinn, denn ich brauche dich so rasch wie möglich, und zwar gesund.«
»Mein König, ich …« Philibert kamen die Tränen. Nie hätte er erwartet, dass der König selbst sich die Mühe machen würde, ihn aufzusuchen. Er begriff aber im selben Moment, dass diesem vor allem daran lag, einen möglichst detaillierten Bericht über die Schlacht zu erhalten. Daher bat er den
Weitere Kostenlose Bücher