Die Sommerfrauen: Roman (German Edition)
Maryn ihr geliehen hatte, hätte sie eh nicht laufen können. Erhobenen Hauptes und mit durchgedrücktem Rücken ging sie, so schnell sie konnte, zur Veranda, ohne auch noch einen Blick zurückzuwerfen zu Ty Bazemore beziehungsweise Mr Culpepper. Und als sie die Fliegengittertür des Hauses hinter sich zuschlug, hallte es durch die stille, heiße Sommernacht.
Von der Küche aus, wo Dorie und Julia halbherzig Karten gespielt hatten, hörten sie, wie die Fliegengittertür zugeschlagen wurde.
»Was war das denn?«, fragte Julia mit Blick auf die Küchenuhr. Es war gerade mal neun.
Sie hörten das wütende Stapfen der Stiletto-Absätze über den ausgetretenen Dielenboden, dann ging es die Treppe hoch, und eine Schlafzimmertür fiel laut ins Schloss.
»O-oh«, machte Dorie. »Das hört sich nicht gut an.«
»Scheiße.« Julia nickte zustimmend. »Und ich hatte so große Hoffnungen.« Sie hob eine Augenbraue. »Meinst du, wir sollen hochgehen und mit ihr reden?«
»Auf gar keinen Fall«, sagte Dorie und gähnte. »Wenn sie darüber sprechen wollte, wäre sie zu uns gekommen. Du weißt doch, wie Ellis ist.«
»Stimmt«, Julia seufzte inbrünstig. »Ich dachte wirklich, dieser Typ könnte es sein, weißt du? Er sieht total gut aus und ist heiß auf sie, und ich dachte, sie wäre auch ein bisschen heiß auf ihn.«
»Weißt du mehr als ich?«, fragte Dorie misstrauisch.
»Ich hab letztens gesehen, wie sie geknutscht haben«, gab Julia kleinlaut zu.
»Was?!« Dorie knallte ihre Karten auf den Tisch. »Und das hast du mir vorenthalten? In meinem Zustand?«
»Das war totaler Zufall«, sagte Julia. »Ich hab ihnen ja nicht nachgestellt oder so. Es war schon spät, Booker rief an, und ich bin beim Telefonieren im Zimmer rumgelaufen, dabei hab ich irgendwann aus dem Fenster geguckt und sah draußen ein Pärchen, richtig eng umschlungen, drüben auf dem Holzsteg, der über die Dünen führt. Es sah so süß aus, ja? Wie ein richtiger Urlaubsflirt. Erst als die beiden sich voneinander lösten – und zwar widerwillig, wenn ich das hinzufügen darf – und die Frau in Richtung Haus ging, merkte ich, dass es unsere Elly-Belly war. Mit dem Garagenmann.«
»Ellis gegenüber würde ich das nie sagen, aber Ty scheint mir nicht recht ihr Typ zu sein«, überlegte Dorie. »Ich meine, versteh mich nicht falsch, ich finde ihn wirklich super, aber er ist nicht so wie die Kerle, auf die sie sonst immer abfährt.«
»Sie findet ihn aber toll«, sagte Julia. »Sonntagabend, als wir im Cadillac Jack’s waren, ja? Diese ganze Nummer mit dem Lagerkoller, wir müssen mal zusammen rausgehen und so, das war alles nur Vorwand. Sie wusste, dass er an dem Abend dort arbeiten würde. Sie hat mich nur mitgenommen, damit es nicht so aussieht, als würde sie ihm hinterherlaufen. Du hättest mal sein Gesicht sehen müssen, als er sie erblickte, Dorie! Die ganze Kneipe war voll mit halbnackten Weibern und hübschen jungen Dingern, die auf einen Blick von Ty lauerten, aber als er Ellis sah, war es so, als hätte man ihm gerade den größten Lutscher im ganzen Laden geschenkt.« Sie seufzte. »Das war sooo süß. Und Ellis war total aufgedreht und nervös. Dorie, wusstest du, dass sie seit Mister X mit keinem Mann mehr zusammen war?«
»Wundert mich nicht. Nach Mister X dachte ich, sie würde sich nie im Leben wieder in einen Mann verlieben.«
»Sie hat es versucht«, sagte Julia. »Sie hat sogar im Internet gesucht! Kannst du das glauben?«
»Ich kenne viele Mädels, die ihren Mann übers Internet kennengelernt haben. Aber ich staune schon ein bisschen, dass unsere Ellis sich das getraut hat. Und dass sie dir das auch noch erzählt hat.«
»Ich hab ihr versprochen, es nicht weiterzusagen«, gestand Julia. »Aber ihr war klar, dass ich es dir erzähle.«
Dorie tätschtelte Julias Hand. »Schon gut. Du bist nur gut darin, deine eigenen Geheimnisse zu hüten. Die von anderen nimmst du nicht so ernst.« Sie gähnte wieder. »Gott, ich habe das Gefühl, nie genug Schlaf zu bekommen. Ich gehe jetzt ins Bett. Vielleicht sieht es morgen für Ellis schon ganz anders aus. Vielleicht war es nur ein kleines Missverständnis oder so. Wünsche ich mir für sie.«
Julia legte den Kopf schräg und musterte Dorie. Sie trug das rotblonde Haar in zwei Zöpfen, ihr Gesicht war gerötet von der Sonne und ein bisschen voller als sonst. Es war schwer zu glauben, dass ihre alte Freundin, die immer noch wie Anfang zwanzig aussah, in nur wenigen Monaten Mutter
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