Die Sommerfrauen: Roman (German Edition)
Ventilator, der unter der Decke surrte. Ellis studierte die Risse im Deckenputz, die Wasserflecken auf der verblichenen Blümchentapete. Auf dem Holzboden waren weitere Wasserflecke. Die ins Fenster neben dem Bett eingebaute Klimaanlage quietschte und brachte die Scheibe zum Klirren. Ellis war so glücklich gewesen, endlich mit ihren Freundinnen hier zu sein, hatte sich so auf diesen Monat gefreut, dass sie den erbärmlichen Zustand von Ebbtide durch eine rosarote Brille gesehen hatte.
Früher einmal war es ein prachtvolles Haus gewesen, das merkte man. Die hohen Räume, die großzügigen Fensterflächen mit dem eindrucksvollen Blick auf Meer und Dünen. Ryan, dieser Typ im Restaurant, hatte behauptet, das Haus habe Tys Familie gehört. Und dass es bald zwangsversteigert würde.
Geschah ihm ganz recht, redete Ellis sich ein.
Doch sie nahm es sich selbst nicht ab. Ty hatte ihr erzählt, er sei Daytrader und versuche, seine Verluste an der Börse wiedergutzumachen. In Wirklichkeit versuchte er verzweifelt, den Besitz seiner Familie nicht zu verlieren. Was erklärte, warum er das große Haus vermietete und selbst in dem Apartment über der Garage wohnte. Aber es erklärte noch nicht, warum er ihr nach ihrem ersten Treffen am Strand nicht einfach erzählt hatte, dass er Mr Culpepper war.
Jetzt war es eh egal. Er war ihr nichts schuldig. Sie war nicht mehr als eine nervige Mieterin.
Die noch zwei Wochen hier verbringen musste.
Scheiß drauf, dachte Ellis.
Sie sprang aus dem Bett und tapste barfuß die Treppe hinunter in die Küche. Sie fürchtete nicht, Ty erneut draußen zu treffen wie beim letzten Mal. Er streifte gerade mit Sicherheit durch Nag’s Head.
Ellis fand das Kartenspiel, das die anderen beiden auf dem Küchentisch liegengelassen hatten. Sie legte sich eine Patience, gab aber nach einer Viertelstunde auf und warf die Karten entnervt hin. Sie konnte nicht gegen sich selbst spielen. Außerdem war es heiß in der Küche, wirklich stickig.
Ein Spaziergang am Strand, entschied sie, wäre vielleicht das Einzige, was sie abkühlte und ein wenig entspannen könnte. In ihrem Zimmer zog sie eine Shorts und ein T-Shirt an. Sie nahm die Schuhe, die Maryn ihr einige Stunden zuvor geliehen hatte, und stieg nach oben. Vor Maryns Tür blieb sie stehen. Das Licht brannte, aber sie hörte keine Geräusche aus dem Zimmer. Wahrscheinlich las Maryn. Ellis überlegte, ob sie anklopfen und die Wahrheit über ihren furchtbaren Abend erzählen sollte, entschied sich aber dagegen. Maryn war nicht der Typ Frau, der sich das Drama einer anderen anhören wollte. Vorsichtig stellte Ellis die Schuhe vor der Tür ab und ging wieder nach unten.
Sie schlüpfte durch die Küchentür nach draußen und huschte über den Holzsteg hinunter an den Strand. Eine leichte Brise fuhr durch das Strandgras, sonst war es ruhig. Ellis ließ ihre Flipflops im weichen Sand am Fuß der Treppe liegen und eilte ans Ufer. Sie hielt erst inne, als kleine Wellen ihre Zehen umspülten. Der Mond war fast voll, hell schien er auf den silbern leuchtenden Strand.
Schon besser. Ellis atmete tief durch und marschierte los, über den festgedrückten, feuchten Sand. Sie lief immer weiter, wich der einlaufenden Flut aus, wobei sie hin und wieder von einer Welle erwischt wurde und ihr das Wasser dann bis hoch an die Oberschenkel spritzte. Sie kam voran. Je weiter sie nach Süden gelangte, desto enger standen die Häuser. In einigen brannte Licht, manchmal hörte sie Musik oder Lachen herüberwehen, ansonsten war der Strand jedoch einsam und verlassen.
Ab und an blieb Ellis stehen, bückte sich und hob eine Muschel auf, ließ sie jedoch bald wieder fallen.
Irgendwann frischte der Wind auf, und die Wellen brachen sich heftiger. Die Flut stieg immer weiter. Ellis blieb stehen, drehte sich um und blickte auf eine Ansammlung fremder Häuser am Rand der Dünen. Zitternd verschränkte sie die Arme vor der Brust. Wie weit war sie nur gegangen?
Zeit zum Umkehren. Die einlaufende Flut zwang sie näher an die Dünen. Ellis versuchte, schneller zu gehen, doch es war schwierig; ihre Füße versanken im weichen, pulvrigen Sand. Jedes Mal wenn sie an eine Treppe kam, die über die Dünen führte, schaute sie hoch und versuchte auszumachen, ob es die Stufen waren, die zu Ebbtide hinaufführten.
Im Dunkeln sahen alle Dünen und Treppen gleich aus. Ellis’ Herz begann zu rasen, aber sie redete sich ein, sich nicht verrückt zu machen. Sie hatte sich nicht verirrt. Das war gar
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