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Die Sommerfrauen: Roman (German Edition)

Die Sommerfrauen: Roman (German Edition)

Titel: Die Sommerfrauen: Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Mary Kay Andrews
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nicht möglich. Nach zwei Wochen hätte sie ihren Strandabschnitt auch mit geschlossenen Augen erkannt. Unterhalb von Ebbtide stand ein verblichener blassgelber Katamaran inmitten von Rosmarin und Strandgras. Auf die zerbeulte rote Metallmülltonne, die an einen Pfahl genietet war, waren Sprüche geschrieben. Darauf stand Detroit Tigers Forever und René liebt Buster .
    Und ihre Schuhe lagen am Fuß der Treppe. Ihre grellgrünen Flipflops. Die hatte Ellis dort abgelegt. Sie musste nur ihre Flipflops finden. Ellis stapfte weiter, hielt mit zusammengekniffenen Augen im Dunkeln Ausschau nach dem Katamaran und der roten Mülltonne. Nach einer weiteren halben Stunde brannten ihre Waden, sie bekam immer schwerer Luft. Die Flut rückte näher, leckte fast schon am Fuß der Dünen, und immer noch hatte Ellis nichts Vertrautes entdeckt.
    Schließlich blieb sie erschöpft stehen und setzte sich auf eine abgetretene Holzstufe. Das Wasser umspülte ihre Füße, und ihr wurde klar, dass es ihre Schuhe weggetragen haben konnte. Was sollte sie jetzt tun? Sie ging ein Stück ins Wasser und reckte den Hals, um über die Dünen zu sehen. Diese Stufen führten zu einem Holzsteg ähnlich dem von Ebbtide, nur das Haus oben sah ganz anders aus. Sollte sie hochgehen und sich oben auf der Straße zurechtfinden?
    Und dann? Wollte sie wer weiß wie lange barfuß über den Asphalt laufen, während die Autos an ihr vorbeisausten und jeder Blödmann sie in ihrer durchnässten Shorts und mit windzerzaustem Haar sehen konnte? Ganz zu schweigen davon, dass sie keine Schuhe und keinen BH trug?
    Nein. Sie würde am Strand bleiben. Ellis richtete sich auf und trottete weiter. Zehn Minuten später stieß sie einen Seufzer der Erleichterung aus, als sie den gelben Katamaran erblickte. Gott sei Dank! Am liebsten hätte sie die schmutzige rote Mülltonne geküsst. Tat sie aber doch nicht. Stattdessen umklammerte sie den Handlauf der Treppe und zog sich die erste Stufe hoch.
    Erst als sie die oberste Stufe erreicht hatte, roch sie den Zigarrenrauch. In der Dunkelheit sah sie zuerst die glühende rote Spitze, dann den Umriss des Liegestuhls. Und Ty Bazemore mit einem Bier in der Hand.

29
    Seit mindestens einer Stunde saß er auf der Aussichtsplattform, hatte eine Zigarre geraucht, ein Heineken getrunken. Nach dem katastrophalen Ausgang ihres Treffens war Ty hochgegangen in seine Wohnung, hatte Jacke und Hose ausgezogen und versucht, den Abend zu vergessen und ein bisschen zu arbeiten. Er hatte von einem kleinen landwirtschaftlichen Betrieb in Kentucky gelesen, der vor kurzem ein Patent auf einen neuen Grassamen mit vielversprechender Dürreresistenz angemeldet hatte. Ty hatte schon ganz glasige Augen von der Lektüre der wissenschaftlichen Berichte, ganz zu schweigen von den Gewinn-und-Verlustrechungen.
    Irgendwie war er nicht recht mit dem Herzen dabei. Er hatte versucht, die Melancholie abzuschütteln, die sich wie eine schwere Wolldecke über ihn legte, doch es wollte ihm nicht gelingen. Außerdem hatte er einen Riesenhunger. Deshalb war er in den Bronco gestiegen und zum Drive-in gefahren.
    Manchmal war ein richtig fettiger Cheeseburger mit Pommes das einzige Mittel gegen Trübsal. Ty hatte einen Burger und die Hälfte der Pommes gegessen und die letzte seiner guten Zigarren geraucht, fühlte sich aber immer noch nicht besser. Stattdessen bekam er heftiges Sodbrennen.
    Der Wind war aufgefrischt, die Brandung rauschte unten an den Strand. Als Ty aufsah, stand Ellis plötzlich vor ihm.
    Aschenputtel war verschwunden, an ihrer Stelle schien die alte Ellis Sullivan an Land gespült worden zu sein. Die sorgfältig frisierten Haare waren vom Wind zerzaust. Sie war barfuß, ihre rosa Shorts war durchnässt, das feuchte T-Shirt klebte an ihrem Körper. Die Wimperntusche war unter den Augen verschmiert, und selbst von der Stelle, wo Ty im Dunkeln saß, konnte er sehen, dass sie geweint hatte.
    »Oh«, machte sie, als sie ihn entdeckte. »Du bist das.«
    »Ich wohne hier«, sagte Ty. Er drückte seine letzte Zigarre auf dem Deckel der Bierdose aus. »Alles in Ordnung?«
    Ellis schaute hinunter auf ihre sandbedeckten Beine, wischte sich mit dem Ärmel ihres T-Shirts über die Nase und nickte. »Ich glaube, die Flut hat sich meine Schuhe geholt. Sonst ist alles gut. Ich dachte, du wärst unterwegs.«
    »War ich auch«, bestätigte er und wies auf die Papiertüte mit den restlichen Pommes. »Ich hab mir einen Mitternachtssnack besorgt. Aber jetzt bin ich wieder da.

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