Die Sommerfrauen: Roman (German Edition)
Fach, wollte sie ganz nach hinten schieben, doch da lag irgendwas.
Julia zog den Stuhl zum Wandschrank hinüber, stieg darauf und spähte in das Fach. Der Schrank war schmal, aber viel tiefer als der in ihrem eigenen Zimmer. Julia streckte die Hand aus, um den Gegenstand, der dort hinten lag, beiseitezuschieben. Ihre Finger schlossen sich um ein Bündel Papier.
Als sie sah, was sie in der Hand hielt, fiel sie beinahe vom Stuhl. Es war ein Geldbündel. Hundert-Dollar-Scheine, zusammengehalten von einem grünen Gummiband. Julia stellte den Laptop auf den Boden, griff mit beiden Händen in das Fach und schaufelte einen ganzen Arm voll ähnlicher Bündel hervor. Tausende von Dollar.
»Wow!«, stieß sie aus. »Was führst du verdammt nochmal im Schilde, Madison?« Es juckte sie in den Fingern, alle Bündel herauszuholen, zu zählen und zu prüfen, aber dafür war keine Zeit. Hastig schob sie das Geld wieder zurück ins Fach und stellte den Laptop davor.
Sie schloss die Schranktür und eilte zur Kommode. Die Schubladen waren halb leer, die Kleidung darin ordentlich zusammengelegt und gestapelt. Während Julia die Klamotten durchsuchte, kam ihr der Gedanke, dass die Sachen für einen Menschen mit so viel Bargeld entsetzlich billig waren, die meisten stammten entweder aus Secondhandläden oder vom Discounter. Wie passte das zu der Handtasche von Prada, den Schuhen von Louboutin und dem fetten Diamantring?
Leicht enttäuscht, dass in der Kommode nicht noch mehr Geld versteckt war, suchte Julia in der einzelnen Schublade des Nachttisches nach weiteren Anhaltspunkten zur Lösung des Rätsels Madison, doch fand sie nur ein Plastikfläschchen mit Aspirin.
Sie sah sich um. Viel blieb nicht mehr zu untersuchen. Julia legte sich auf den Bauch und spähte unters Bett, rechnete fast damit, dort noch einen Koffer voll Geld zu finden. Doch sie entdeckte nur die leere Reisetasche, mit der Madison angekommen war.
Schließlich hockte sie sich auf die Knie und hatte noch eine letzte Idee, nämlich das zu tun, was im Kino gezeigt wurde. Sie hob die dünne, durchgelegene Matratze an und fuhr mit der Hand über den Rahmen. Ihre Fingerspitzen streiften einen kühlen, glatten Metallgegenstand, und Julias Mund wurde trocken.
Sie zog das Objekt hervor und starrte es an. Eine Waffe! Julia kannte sich ein wenig damit aus. Aber sie sah, dass es sich um einen Revolver, einen Smith & Wesson handelte. Julias Hände zitterten stark, als sie den Lauf betastete.
Rrring! Rrring! Erschrocken ließ sie den Revolver fallen. Ihr Handy vibrierte in der Plastikhülle an ihrer Hüfte.
Mit nervösen Fingern versuchte sie, es herauszuholen. Das Display verriet ihr, dass Ellis sie anrief.
Julia klappte das Telefon auf.
»Sie ist da!«, flüsterte Ellis. »Madison ist gerade auf dem Fahrrad zurückgekommen. Ich hab dafür gesorgt, dass Dorie rausgeht und sie aufhält, aber du weißt, dass Madison nicht dämlich ist. Also raus da oben, aber dalli!«
»Scheiße!«, sagte Julia. »Tut irgendwas, egal! Haltet sie da unten fest. Ellis, Madison hat eine geladene Waffe unter der Matratze. Und massenweise Geld im Schrank versteckt.«
»Ach, du meine Güte!«, stieß Ellis hervor. »Scheiße, Scheiße, Scheiße! Sie kommt rein. Ich glaub, ich krieg einen Herzinfarkt. Oder mach mir in die Hose.«
»Wag es nicht!« Julia klappte ihr Handy zu. Sie wollte die Waffe wieder unter die Matratze schieben, überlegte es sich dann aber anders und steckte sie in den Hosenbund. Sie glättete das zerknitterte Bettlaken, lief zum Fenster, hievte sich hinaus und zog es wieder so weit zu, wie es vorher gewesen war.
Auch diesmal hielt sie sich nicht lange auf der Galerie auf, um die Aussicht zu genießen oder über die Möglichkeit nachzusinnen, in den Tod zu stürzen. Sie huschte zurück auf den Speicher, zog die Tür hinter sich und nahm kurz darauf zwei Stufen auf einmal hinunter.
33
Es war Dorie, die sie rettete. Weil Mittwoch war, wurde der Müll abgeholt, und obwohl sie Ellis’ Dienstplan eigentlich verworfen hatten, war Dorie an der Reihe, den Müll nach draußen zu bringen. Sie rollte die überquellende Plastiktonne hinunter an den Bordstein und murmelte etwas vor sich hin über gewisse Leute , die sich nicht die Mühe machten, den Müll von den recycelbaren Sachen zu trennen, als Madison die Straße entlanggeradelt kam.
Trotz ihrer gegensätzlichen Beteuerungen fand sich Dorie plötzlich in der Rolle der Mitverschwörerin wieder.
»Madison!«, rief sie, und ihr
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