Die Tiefe einer Seele
los war. Wie aus dem Nichts stand diese Armada in Weiß da und machte ihn nieder. Hört sich hart an, aber exakt so war es. Sie stürzten sich auf ihn, überwältigten ihn, bändigten ihn, stellten ihn schließlich mit einer Spritze ruhig. Damals hat es klick gemacht bei mir. Ich wollte das nicht. Wollte nicht, dass ich so ende und schon gar nicht, dass mich irgendjemand so behandelt. Ohne jeden Respekt, mich meiner Würde gänzlich beraubend. Erstaunlicherweise fing ich wieder an, etwas zu fühlen, was mich beinahe umhaute, so gigantisch war das. Das wollte ich behalten. Wollte nicht, dass die Amelie, die gerade aufgetaucht war, erneut verschwinden würde. Und ich beschloss, mein Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen. Darum tat ich ab dann alles, was von mir verlangt wurde. Wurde eine perfekte Gesprächspartnerin in den Therapien, obwohl mir jede von ihnen am Arsch vorbei ging. Denn das war nicht mein Weg. Ich hatte einen Plan, aber dazu musste ich erst mal die Klapse hinter mich lassen. Es dauerte kein Vierteljahr, da hatte ich es geschafft. Als »ungefährdet« wurde ich entlassen, und soll ich Dir etwas sagen? Das war nicht mal gelogen. Ich war tatsächlich ungefährdet zu diesem Zeitpunkt. Voller Elan startete ich durch. Zuerst machte ich mein Abitur nach. Danach wäre ich am liebsten sofort mit dem Studium der Geschichte angefangen, aber ich hatte das Gefühl, dass es vielleicht besser für mich wäre, wenn ich zunächst eine Ausbildung machen würde. Das habe ich dann auch durchgezogen.«
»Du erzählst mir jetzt aber nicht, dass Du Bäckerin bist oder gar Masseurin, oder sowas.«
»Das hättest Du wohl gerne, mein lieber James. Nein, ich bin Reiseverkehrskauffrau, wenn Du es unbedingt wissen willst. In diesem Job arbeite ich heute noch ab und zu, um mein Studium zu finanzieren. Zum Beispiel, als wir uns kennengelernt haben. Damals hattest Du ja vermutet, dass ich eine Reiseleiterin sein könnte. Nun, das bin ich zwar nicht, aber ich teste von Zeit zu Zeit neue Touren aus für das Reisebüro, in dem ich meine Ausbildung gemacht habe.«
James strahlte übers Gesicht. »Hach Amy, merkst Du eigentlich wie geschaffen wir füreinander sind? Du, die Reiseverkehrsfrau, ich der Reisejournalist. Perfekt!«
»Falsch Prescott! Du, der baldige Tycoon, ich die psychisch Gestörte.«
»Hör auf, Sweety, ich mag nicht, wenn Du so redest.«
»Aber es ist doch so. Außerdem bin ich noch nicht fertig. Dafür, dass Du mich nicht unterbrechen wolltest, quatscht Du ganz schön oft dazwischen.«
»Sorry!«
»Oooooaaaaah!«
»Schon gut, erzähl weiter!«
»Ich machte also die Ausbildung. Zeitgleich sog ich alles auf, was ich über meine Krankheit an Informationen finden konnte. Dachte, wenn ich den Feind kenne, kann ich ihn vielleicht überlisten. Alles, was es an Empfehlungen gab, habe ich ausprobiert. Sei es eine gesunde Ernährung, kein Alkohol, keine Drogen, autogenes Training, Pilates, Ausdauersport. Ja, Du brauchst gar nicht so zu gucken. Das mit dem Sport gehörte auch schon damals zu meinem Programm. Zwar nicht in dem Ausmaße, wie Du es Dir vorgestellt hast, aber ein bisschen mehr als seichtes Fahrradfahren was es dann doch. Mmm, wo war ich? Ach ja! Also ich habe wirklich so gelebt, wie eine Depressive leben sollte, das Einzige, was für mich nicht mehr in Frage kam, waren Antidepressiva, einfach deswegen, weil ich Herr meiner Sinne bleiben wollte.«
»Und die dunklen Phasen waren dann weg?«
»Nein, natürlich nicht. Die dunklen Phasen haben mich eigentlich nie ganz verlassen, seitdem ich 14 Jahre alt war. Sie waren mal stärker, mal schwächer. Aber ich schaffte es, durch mein neu entdecktes Selbstbewusstsein, sie anzunehmen. Dadurch waren sie nicht mehr ganz so bedrohlich für mich.«
»Aber was zum Teufel ist dann geschehen? Warum hast Du es wieder versucht?«
»Wenn Du endlich mal den Mund halten würdest, hättest Du es schon längst erfahren. Also! Als ich meine Ausbildung beendet hatte, habe ich wie geplant das Studium der Geschichte in Hamburg aufgenommen. Alles lief soweit prima. Dann starb meine Oma.«
James machte den Mund auf, um erneut dazwischen zu reden. Amelie hob mahnend ihre Hand und sprach schnell weiter.
»Nein, nein, das ging in Ordnung für mich. Ich hatte sie sehr lieb, aber sie war alt und sie konnte einfach nicht mehr. Ich habe ihr die Ruhe und den Frieden wirklich gegönnt. Doch nur drei Tage nach ihrer Beisetzung musste meine Mutter zur Mammographie. Und sie hatte einen
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