Die Tochter des Giftmischers - Poole, S: Tochter des Giftmischers - Poison
Möbel. In den schmalen Betten lagen vier ungefähr acht- oder neunjährige Jungen. Drei hatten die Decke bis zum Hals emporgezogen, und an der steifen Haltung der kleinen Körper ließ sich ablesen, dass sie hellwach waren. Der vierte Junge war schmächtig und blass, und in seinen weit aufgerissenen Augen unter den dunklen Haaren stand die nackte Angst. Er lag auf dem Rücken. Sein linker Arm ragte über den Rand des Betts hinaus, und aus einem tiefen Schnitt am Unterarm rann Blut in
eine kleine Schale, die auf dem Boden stand. Weitere, kaum verheilte Schnitte waren deutlich zu erkennen.
Ein Arzt in rotem Samtumhang und bestickter Kappe beugte sich über den Jungen. Ohne auf die jammervollen Schreie des Kindes zu achten, quetschte er den dünnen Arm, damit das Blut schneller floss. Ich musste mich abwenden, weil mir übel wurde. Mit geschlossenen Augen sank ich gegen die Wand und rang um Fassung. Wir konnten diesen Jungen nicht helfen. Nur der Tod des Papstes konnte sie erlösen.
Als ich wieder ins Zimmer spähte, goss der Arzt das Blut aus der Schale in ein Glas, das neben dem Bett stand. Der Arm des Jungen blutete noch immer. Das Wimmern wollte nicht enden. Ich musste mir auf die Knöchel beißen, um nicht zu schreien.
David drückte meine Schulter. Zum Zeichen, dass ich warten solle, nickte er kurz und trat ein. Die Mönchsrobe und die Kapuze verhüllten seine Gestalt. Die Hände hatte er gefaltet, sodass die Ärmel sie bedeckten. Er hielt den Kopf gesenkt.
»Signore dottore «, sagte er leise. »Vater Morozzi verlangt nach Euch.«
Der Arzt hob den Kopf, starrte David einen Moment lang an und runzelte verärgert die Stirn.
»Er weiß doch, dass ich beschäftigt bin.«
»Selbstverständlich, doch er sagt, dass es dringend sei. Wenn Ihr mich bitte begleiten wollt … Ich bin sicher, dass es nur wenige Minuten dauert.«
Der Arzt schwankte. Der Gedanke, es sich mit Morozzi zu verderben, beunruhigte ihn sichtlich. Andererseits duldete seine Arbeit keinen Aufschub.
»Das Elixier für den Heiligen Vater ist noch nicht fertig. Ich kann nicht einfach fort …«
»Mein Bruder in Christo wird darüber wachen«, sagte David und trat einen Schritt zur Seite, damit ich eintreten konnte.
Auch ich hatte meine Hände in der Kutte verborgen, damit sie mich nicht verrieten, und hielt den Kopf gesenkt.
Einen Augenblick lang fürchtete ich, dass der Arzt sich weigern würde, aber dann schüttelte er nur unwillig den Kopf und trat vom Bett zurück.
»Dass Ihr mir nichts berührt«, warnte er mich, bevor er mit David den Raum verließ. Ein kurzer Seitenblick von David erinnerte mich, dass die Zeit drängte.
Sobald sie das Zimmer verlassen hatten, rannte ich zum Bett. Der Junge starrte mich an, doch ich legte den Finger auf die Lippen und betete, dass er sich ruhig verhielt. Rasch zog ich die kleine Flasche unter meinem Gewand hervor. Die anderen Jungen rührten sich nicht. Wahrscheinlich hatten sie viel zu viel Angst, oder sie waren zu schwach, um genau zu verstehen, was vor sich ging.
Mein größtes Problem war das Blut in dem Gefäß. Der Geruch nach Kupfer stieg mir in die Nase, und ich musste würgen. Ich hielt die Luft an, packte das Gefäß und sah mich voller Panik um. Aus den Augenwinkeln bemerkte ich, dass der Junge sich bewegte. Er hob den anderen Arm, der ebenfalls zahlreiche Narben aufwies, und deutete unter das Bett.
Ich bückte mich … natürlich, der Nachttopf! Mit einem Seufzer der Erleichterung leerte ich das Gefäß und schob den Topf unter das Bett zurück. Anschließend schüttelte ich das Fläschchen, wie Sofia mir eingeschärft hatte, da sich das
Blut inzwischen getrennt hatte. Als sich die helle Flüssigkeit im oberen Teil wieder mit dem dunklen festeren Teil verbunden hatte, goss ich den Inhalt in das Glas und stellte es auf seinen ursprünglichen Platz zurück.
Die ganze Zeit über hatte der Junge jede meiner Bewegungen verfolgt, ohne einen Laut von sich zu geben. Als ich fertig war, hörte ich vom Flur her Vittoros Stimme, wo er auf David und den Arzt gewartet hatte.
»Ich bitte tausend Mal um Entschuldigung, dottore «, sagte er. »Pater Morozzi wurde unerwartet weggerufen, aber ich bin sicher, dass er später mit Euch sprechen wird.«
»Es ist sehr ärgerlich«, klagte der Arzt. »Schließlich wartet der Heilige Vater auf mich. Ich kann doch nicht überall zur gleichen Zeit sein.«
Er kam zurück, als ich gerade eine Binde auf den Arm des Jungen presste. Ich weiß, dass ich es nicht
Weitere Kostenlose Bücher