Die Tore der Welt
genauso wenig schwimmen wie Gwenda. In seiner Verzweiflung packte er
ihre Schulter und versuchte, diese als Stütze zu benutzen. Gwenda versank
augenblicklich, worauf Sim sie losließ, da sie ihn offenkundig nicht über
Wasser halten konnte.
Gwenda, die sich
nun unter Wasser wiederfand, mit angehaltenem Atem und voller Todesangst,
schoss ein verzweifelter Gedanke durch den Kopf: Lieber Gott, lass mich nicht
sterben nach allem, was ich durchgemacht habe!
Sie trat mit den
Beinen, ruderte mit den Armen und kam tatsächlich in die Höhe. Als sie die
Wasseroberfläche durchbrach, wurde sie von einem gewaltigen Leib beiseite gerammt.
Aus dem Augenwinkel heraus sah sie den Ochsen, der sie kurz vor dem Einsturz
über die Brüstung gestoßen hatte. Das Tier war offensichtlich unverletzt und
schwamm. Gwenda streckte die Hand aus, trat mit den Füßen und bekam eines der
Hörner zu packen. Der Ochse drehte den Kopf zur Seite; dann schwang der
mächtige Hals wieder nach vorn.
Gwenda gelang es,
sich festzuhalten.
Skip erschien neben
ihr. Der Hund schwamm ohne große Mühe und bellte vor Freude, ihr Gesicht zu
sehen.
Der Ochse hielt auf
das südliche Vorstadtufer zu. Gwenda klammerte sich an sein Horn, obwohl sie
das Gefühl hatte, es würde ihr den Arm aus dem Gelenk reißen.
Dann packte jemand
sie mit derbem Griff. Als Gwenda über die Schulter schaute, sah sie Sim.
Abermals versuchte er, sich an ihr über Wasser zu halten. Gwenda kreischte, als
ihr Griff um das Horn des Ochsen sich zu lösen drohte. Ohne loszulassen, stieß
sie Sim mit der freien Hand weg. Er fiel zurück, sein Kopf dicht an ihren
Füßen.
Gwenda trat ihm ins
Gesicht, so fest sie konnte. Sim schrie auf, verstummte jedoch abrupt, als sein
Kopf unter Wasser sank.
Der Ochse fand
endlich Halt unter den Klauen und wuchtete seinen gewaltigen Körper schnaubend
aus dem Wasser. Gwenda ließ los, kaum dass sie stehen konnte.
Skip stieß ein
ängstliches Bellen aus, und Gwenda schaute sich vorsichtig um. Sim war nicht am
Ufer. Sie ließ ihren Blick über den Fluss schweifen und hielt nach einem gelben
Kittel zwischen den Leibern und den im Wasser treibenden Holztrümmern Ausschau.
Dann sah sie ihn.
Sim hielt sich
mithilfe eines Bretts über Wasser, trat mit den Beinen und bewegte sich auf
Gwenda zu.
Gwenda konnte nicht
fliehen. Sie hatte keine Kraft mehr, und ihr Kleid war von Wasser durchtränkt.
Auf dieser Seite des Flusses gab es überdies keine Möglichkeit, sich zu
verstecken, und nun, da die Brücke eingestürzt war, konnte sie auch nicht nach
Kingsbridge hinein.
Aber sie würde sich
nicht von Sim fangen lassen! Gwenda sah, dass er zu kämpfen hatte, und das gab
ihr Hoffnung. Das Brett hätte Sim über Wasser gehalten, hätte er sich nicht
bewegt, doch sein wildes Strampeln, als er sich in Richtung Ufer kämpfte, ließ
das Brett schwanken und drückte es immer wieder nach unten, wobei Sims Kopf
jedesmal unter Wasser sank. Vielleicht würde er es ja doch nicht schaffen.
Gwenda beschloss,
ein wenig nachzuhelfen.
Rasch schaute sie
sich um. Das Wasser war voller Holztrümmer, von mächtigen Balken bis hin zu
kleinen Splittern. Ihr Blick fiel auf ein stabiles Stück Holz von gut zwei Fuß
Länge. Gwenda watete ins Wasser und schnappte es sich. Dann bewegte sie sich
weiter in den Fluss hinaus, um sich ihrem Besitzer zu stellen.
Zu Gwendas
Genugtuung sah sie Furcht in seinen Augen aufflackern.
Sim hielt in seinen Schwimmbemühungen inne.
Vor ihm war die Frau, die er zu versklaven versucht hatte; wütend und sichtlich
entschlossen schwang sie ein Stück Holz wie eine Keule. Und hinter ihm drohte
der Tod durch Ertrinken.
Sim strampelte
weiter in Richtung Ufer.
Gwenda stand bis
zur Hüfte im Wasser und wartete auf den richtigen Augenblick.
Dann sah sie, wie
Sim innehielt. Aus seinen Bewegungen schloss sie, dass er die Beine ausstreckte
und nach Boden unter den Füßen suchte.
Jetzt oder nie.
Gwenda hob das Holz
über den Kopf und trat vor. Sim sah, was sie tun wollte, und versuchte
auszuweichen, doch er hatte das Gleichgewicht verloren. Weder schwamm, noch
watete er, und so fand er keinen Halt, trieb hilflos dahin. Gwenda ließ das
Holz mit aller Kraft auf seinen Kopf krachen.
Sim verdrehte die
Augen und sank in sich zusammen.
Gwenda packte ihn
an seinem gelben Kittel. Sie würde ihn nicht einlach davontreiben lassen — er
könnte überleben. Sie zog ihn näher zu sich heran, nahm
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