Die Tore der Welt
geschwommen — sogar im Meer, denn zu den Ländereien seines Vaters
hatte auch ein Küstendorf gehört —, deshalb wusste er, dass es vor allem darauf
ankam, nicht in Panik zu verfallen. Mit mächtigen Armschwüngen kämpfte er sich
nach oben, und schließlich durchbrach sein Kopf die Wasseroberfläche.
Keuchend rang er
nach Atem. Neben sich erkannte er Griffs braunes Fell und die schwarze Mähne.
Genau wie er schwamm das Tier auf das nächstgelegene Ufer zu. Dann wurden die
Bewegungen des Pferdes ruhiger, und Ralph wusste, dass Griff wieder festen
Boden unter den Hufen hatte. Er ließ die Füße nach unten hängen und stellte
fest, dass auch er stehen konnte. Entschlossen watete er durchs Flachwasser;
der klebrige Schlamm am Grund schien ihn in die Strömung zurückziehen zu
wollen. Schließlich gelangte Griff auf einen schmalen Uferstreifen unterhalb
der Klostermauer, und Ralph tat es ihm nach.
Er drehte sich um
und schaute zurück. Mehrere Hundert Menschen waren ins Wasser gefallen. Viele
bluteten, viele schrien, und viele waren tot. Nahe dem Ufer sah er eine Gestalt
in der rot-schwarzen Livree des Grafen von Shiring mit dem Gesicht nach unten
im Wasser treiben. Ralph watete wieder in den Fluss, packte den Mann am Gürtel
und zog ihn heraus.
Am Ufer angelangt,
drehte Ralph den schweren Leib herum. Sein Herz setzte einen Schlag aus, als er
den Mann erkannte. Es war sein Freund Stephen. Das Gesicht war unverletzt, doch
seine Brust war eingedrückt. Seine Augen standen weit offen und zeigten
keinerlei Zeichen von Leben; die Atmung hatte ausgesetzt, und der Brustkorb war
viel zu schwer verletzt, als dass Ralph einen Herzschlag hätte ertasten können.
Vor ein paar
Minuten habe ich ihn noch beneidet, dachte Ralph, und jetzt bin ich der
Glückliche. Von widersinniger Schuld erfüllt, drückte er Stephen die Augen zu.
Ralph dachte an
seine Eltern. Erst vor ein paar Minuten hatte er sie im Hof der Klosterställe
zurückgelassen. Selbst wenn sie ihm gefolgt wären, hätten sie die Brücke noch
nicht erreicht. Sie mussten in Sicherheit sein.
Und wo war Lady
Philippa? Ralph lenkte seine Gedanken zu der Szene auf der Brücke kurz vor dem
Einsturz zurück. Herr William und Philippa hatten sich am Ende der gräflichen
Kavalkade befunden und waren noch nicht auf die Brücke geritten.
Aber der Graf.
Ralph sah es genau
vor sich: Graf Roland war dicht hinter ihm gewesen und hatte ungeduldig sein
Pferd, Victory, in die Lücke getrieben, die Ralph ihm geschaffen hatte. Graf Roland
musste ganz in seiner Nähe ins Wasser gestürzt sein.
Ralph hörte wieder
die Worte seines Vaters: »Halte stets nach Gelegenheiten Ausschau, dem Grafen
zu Gefallen zu sein.« Vielleicht war das die große Gelegenheit, auf die er
gewartet hatte!
Ralph war ganz
aufgeregt. Vielleicht musste er gar nicht auf einen Krieg warten. Vielleicht
konnte er sich heute schon beweisen. Er würde Graf Roland retten — oder
wenigstens Victory.
Der Gedanke verlieh
Ralph neue Kraft. Er ließ den Blick über den Fluss schweifen. Der Graf hatte
ein leicht zu erkennendes purpurrotes Gewand getragen und ein schwarzes Wams
aus Samt. Allerdings war es schwierig, einzelne Personen in der Masse toter und
lebender Leiber auszumachen. Dann sah Ralph den schwarzen Hengst mit dem
markanten weißen Fleck am Auge, und sein Herz machte einen Sprung: Es war
Rolands Pferd. Victory trat Wasser, konnte aber nicht gerade schwimmen;
vermutlich hatte das Tier sich ein oder gar mehrere Beine gebrochen.
Neben dem Pferd
trieb eine große Gestalt in purpurner Robe.
Ralph handelte
schnell und entschlossen.
Er warf seine
Überkleider ab; sie würden ihn beim Schwimmen nur behindern. Nur noch mit der
Unterhose bekleidet, sprang er in den Fluss und schwamm auf den Grafen zu. Er
musste sich einen Weg durch die Masse aus Leibern bahnen — Männer, Frauen,
Kinder.
Viele der
Überlebenden klammerten sich verzweifelt an ihm fest und hinderten ihn so am
Vorankommen. Ralph trieb sie mit gnadenlosen Faustschlägen zurück.
Schließlich
erreichte er Victory. Die Kraft des Tieres ließ nach.
Einen Moment lang
hing es ruhig im Wasser; dann versank es.
Doch als der Kopf
untertauchte, begann es wieder zu kämpfen.
»Ruhig, mein Junge,
ruhig«, sagte Ralph dem Hengst ins Ohr, obwohl er sicher war, dass Victory
ertrinken würde.
Graf Roland trieb
mit geschlossenen Augen auf dem Rücken. Er war bewusstlos oder tot. Ein Fuß war
in einem
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