Die Tore der Welt
seinen Kopf in beide
Hände und drückte ihn unter Wasser.
Einen Menschen
unter Wasser zu halten war schwieriger, als Gwenda erwartet hatte, auch wenn
dieser Mensch bewusstlos war.
Sims Körper drückte
nach oben; sein schmieriges Haar war schlüpfrig. Schließlich blieb Gwenda keine
andere Wahl, als Sims Kopf unter den Arm zu zwängen und die Füße vom Boden zu
heben, sodass ihr Gewicht sie beide nach unten drückte.
Gwenda schaute sich
um. Niemand sah zu ihr her. Alle waren viel zu sehr damit beschäftigt, sich
selbst zu retten.
Wie lange dauerte
es, einen Mann zu ertränken? Gwenda hatte keine Ahnung. Sims Lungen mussten
bereits voller Wasser sein.
Doch woher sollte
sie wissen, wann sie loslassen konnte?
Plötzlich wand er
sich und zuckte. Gwenda verstärkte ihren Griff um seinen Kopf. Im ersten Moment
hatte sie alle Mühe, ihn festzuhalten. Gwenda wusste nicht, ob Sim sich wieder
erholt hatte oder ob es nur unwillkürliche Krämpfe seines sterbenden Körpers
waren.
Doch seine
Zuckungen waren heftig und schienen von einem verzweifelten Willen gelenkt zu
sein. Gwendas Füße fanden den Boden wieder; eisern hielt sie den Kopf ihres
einstigen Peinigers fest.
Nach ein paar
Augenblicken wurden Sims Bewegungen schwächer. Kurz darauf rührte er sich nicht
mehr. Nach und nach lockerte Gwenda ihren Griff. Sim sank langsam auf den
Grund.
Er kam nicht wieder
hoch.
Keuchend watete
Gwenda ans Ufer und ließ sich in den Schlamm fallen. Sie tastete nach der
Lederbörse an ihrem Gürtel; sie war noch da. Die Geächteten waren gar nicht
erst dazu gekommen, sie ihr zu stehlen; Gwenda hatte sie die ganze Tortur über
bei sich behalten, und dafür dankte sie dem Himmel, enthielt die Börse doch den
kostbaren Liebestrank von Mattie Wise.
Gwenda öffnete die
Börse und schaute nach. Sie fand nichts außer Tonscherben. Das kleine Gefäß war
zerbrochen.
Gwenda weinte.
Ralph trug nichts
als eine durchnässte Unterhose, als Caris sich ihm näherte. Er schien
unverletzt zu sein, sah man von der roten, geschwollenen Nase ab, aber die
hatte er schon vorher gehabt.
Ralph zog den
Grafen von Shiring aus dem Wasser und legte ihn ans Ufer neben eine Leiche in
der Livree des Grafen. Der Graf hatte eine grausige Kopfverletzung, die
vielleicht sogar tödlich gewesen war, und Ralph schien von den Anstrengungen
erschöpft und unsicher zu sein, was er als Nächstes tun sollte.
Caris schaute sich
um. Auf dieser Seite bestand das Flussufer aus kleinen, verschlammten
Abschnitten, die durch Steinhaufen von einander getrennt waren. Hier gab es
nicht viel Platz, um Tote und Verletzte abzulegen: Man würde sie anderswohin
bringen müssen.
Ein paar Schritte
entfernt führte eine Treppe vom Fluss zu einem Tor in der Klostermauer. Caris
traf eine Entscheidung. Sie deutete zum Tor und sagte zu Ralph: »Bring den
Grafen über die Treppe in die Priorei und in die Kathedrale; dann lauf ins
Hospital. Sag der ersten Nonne, die du siehst, sie soll Mutter Cecilia holen.«
Ralph schien froh
zu sein, dass jemand ihm die Entscheidung abnahm, und tat sofort, wie ihm
geheißen.
Merthin schickte
sich an, ins Wasser zu waten, doch Caris hielt ihn auf. »Sieh dir diese Narren
an«, sagte sie und deutete auf das Ende der Brücke, das zur Stadt hin lag.
Dutzende Leute standen dort und gafften offenen Mundes auf das Blutbad vor
ihnen. »Bring alle starken Männer hier herunter«, fuhr Caris fort. »Sie können
die Leute aus dem Wasser ziehen und in die Kathedrale bringen.«
Merthin zögerte.
»Von da oben können sie nicht hier runter.«
Caris verstand, was
er meinte: Die Leute würden über die Trümmer klettern müssen, und das wiederum
würde zu weiteren Verletzten führen. Aber die Häuser auf dieser Seite der
Hauptstraße hatten Gärten, die an die Klostermauer grenzten, und das Haus an
der Ecke, das Ben Wheeler gehörte, besaß eine kleine Tür in der Mauer, sodass
man aus dem Garten direkt an den Fluss gelangen konnte.
Merthin hatte den
gleichen Einfall: »Ich führe die Leute durch Bens Haus und über seinen Hof.«
»Gut.«
Merthin kletterte
über die Felsen, stieß die Tür auf und verschwand.
Caris schaute über
den Fluss hinweg. Eine große, dünne Gestalt watete in der Nähe ans Ufer:
Philemon. »Hast du Gwenda gesehen?«, fragte er keuchend.
»Ja, kurz bevor die
Brücke eingestürzt ist«, antwortete Caris. »Sie ist vor Sim Chapman
weggelaufen.«
»Ich weiß. Aber wo
ist
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