Die Wahrheit über Alice
herein und sieht, dass ich
das Ding erschrocken anstarre.
«Ultraschall.» Sie stellt sich neben die Liege und tätschelt mein Bein. «Ich bin Dr. King. So, dann wollen wir uns das Baby mal anschauen, was?»
Als sie die Sonde über meinen Bauch bewegt, starre ich ängstlich auf den Bildschirm, sehe aber nur eine Ansammlung von verschwommenen
Klecksen und Schatten, aus denen ich nicht schlau werde.
|290| «Aha.» Dr. King hält die Sonde still, deutet auf den Bildschirm und lächelt. «Herzschlag. Sehen Sie? Schön kräftig. Und die Größe des
Babys ist absolut richtig in dieser Phase der Schwangerschaft.»
Ich sehe, wie das Herz meines Babys pulsiert, und ich höre, wie ich einen seltsamen, erstickten Laut von mir gebe, halb Lachen,
halb Schluchzen.
Mick drückt meine Hand. «Wow.»
Die Ärztin beruhigt uns. Es ist alles in Ordnung, vermutlich bloß eine einmalige, unerklärliche Blutung, wie sie schon mal
vorkommen kann. Sie weist Mick an, er soll mich nach Hause fahren, in den nächsten Tagen gut auf mich aufpassen und mich unverzüglich
wieder herbringen, falls es noch einmal passiert. «Machen Sie sich keine unnötigen Sorgen, ich glaube nicht, dass es was Ernstes
war», sagt sie zu mir. «Aber lassen Sie es ein paar Tage lang eher ruhig angehen», fügt sie mit einem Lächeln hinzu, «nur
vorsichtshalber.»
Ich bleibe in den nächsten drei Tagen im Bett. Ich nehme mir den Stapel Bücher über Schwangerschaft aus der Stadtbibliothek
vor und studiere sie von vorn bis hinten. Zum Glück ist das Wetter bestens dafür geeignet, denn es ist stürmisch und kalt,
und ich habe es mir in unserem Bett so richtig gemütlich gemacht. Hier fühle ich mich sicher und geborgen. Mick übt an seinem
digitalen Schlagzeug, an dem er den Ton so leise gedreht hat, dass ich kaum was höre, und bringt mir morgens, mittags und
abends Essen ans Bett. Wenn ich keine Lust habe zu lesen, holt er den Fernseher ins Zimmer, und wir gucken uns zusammen Seifenopern
an und lachen über die absurden Handlungen und die Schauspieler, die so hölzern agieren. Ich habe keine Blutung mehr.
Als ich am vierten Morgen wach werde, fühle ich mich großartig und so energiegeladen wie schon seit Wochen nicht mehr. |291| Ich lasse Mick schlafen, stehe auf und mache mir eine Tasse Tee. Die vier Wohnungen in unserem Haus haben einen gemeinsamen
Garten, und so nehme ich meinen Tee, gehe nach unten und setze mich auf die Stufen, die in den Garten führen.
Es ist noch früh, aber die Sonne wärmt schon, und der Himmel ist weit und hoch und strahlt in einem prächtigen satten Blau.
Ein Himmel, der für mich typisch australisch ist, ein Himmel, wie ich ihn noch nie in Griechenland oder Indonesien oder in
irgendeinem der Länder gesehen habe, in die wir gereist sind, bevor Rachel ermordet wurde. Und plötzlich überkommt mich ein
so gewaltiges Glücksgefühl und eine so unermessliche Dankbarkeit, am Leben zu sein, dass ich lächle. Ein breites, spontanes
Grinsen, nur für mich. Die Holzstufen sind warm unter meinen Füßen, der Tee ist süß und köstlich, die Sonne liegt sanft auf
meiner Haut und küsst mich wach.
Ich habe es mir viel zu lange verboten, diese Art von Glück zu empfinden, diese simple, sinnliche Freude, am Leben zu sein.
Ich hatte gedacht, es wäre unfair Rachel gegenüber, ein egoistischer Genuss, eine Art Verrat, weil sie diese Augenblicke nie
wieder erleben wird. Aber ich denke daran, was Mum gesagt hat: Wie wichtig es ist, dass ich mein Leben lebe, und deshalb erlaube
ich es mir, und mit einem Mal weiß ich aus tiefster Überzeugung, dass auch Rachel gewollt hätte, dass ich glücklich bin. Sie
hätte mir niemals mein Glück missgönnt. Und plötzlich wird mir etwas glasklar: Ich kann selbst entscheiden, wie ich mich fühle,
und wenn ich mich dafür entscheide, unglücklich zu sein, lasse ich zu, dass Rachels Mörder mein Leben genauso zerstören, wie
sie ihres zerstört haben.
«Ich bin glücklich, Rachel!», sage ich laut, und es klingt wie eine Art Gebet. «Richtig glücklich.»
Aber die Sonne scheint nicht lange an diesem Morgen, und schon bald ziehen Gewitterwolken auf und verfinstern den |292| Himmel. Also verbringe ich einen weiteren Tag in der Wohnung mit Lesen, während Mick zu seiner Bandprobe geht. Als er um sechs
endlich nach Hause kommt, bin ich unruhig und gelangweilt und kann es kaum erwarten, ihn zu sehen.
Ich laufe zur Tür, sobald ich seinen Schlüssel im
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