Don Quixote
sitzen, der mit vieler Ruhe und Emsigkeit mit einem Messer an einem Stocke schnitzelte. Wir riefen ihm zu, und sowie er den Kopf aufhob, lief er auch behende davon, weil, wie wir nachher erfuhren, er zuerst den Renegaten und Zoraida in ihren Mohrenkleidern erblickte und gemeint hatte, die ganze Barbarei sei nun hinter ihm her, so daß er mit der größten Schnelligkeit durch die Gebüsche fortlief und mit dem lautesten Geschrei rief : ›Mohren, Mohren im Lande! Mohren! Mohren! Zu den Waffen! Zu den Waffen!‹
Wir waren hierauf bei diesem Geschrei in gänzlicher Verwirrung und wußten nicht, was wir anfangen sollten; da wir aber bedachten, daß das Geschrei des Schäfers gewiß das Land in Aufruhr bringen und daß die Reiterei von der Küste alsbald kommen würde, um zu sehen, was es gäbe, wurden wir einig, daß der Renegat seine türkischen Kleider ablegen und das Kamisol des einen Sklaven anziehen mußte, der hierauf im Hemde blieb, und so empfahlen wir uns Gott und gingen auf dem Wege weiter, auf welchem der Schäfer fortgelaufen war, indem wir immer hofften, daß wir auf die Reiter der Küste stoßen würden. Wir wurden auch in unserer Hoffnung nicht getäuscht, denn es waren noch nicht zwei Stunden vergangen, als wir aus der rauhen Gegend in die Ebene kamen und wohl fünfzig Reiter gewahr wurden, die im vollen Laufe mit verhängtem Zügel auf uns zuritten; sowie sie uns näher kamen, hielten sie voll Verwunderung an, denn statt der Mohren, die sie suchten, fanden sie eine Anzahl armseliger Christen, und einer fragte uns, ob wir vielleicht diejenigen wären, die den Schäfer veranlaßt hätten, zu den Waffen zu rufen.
›So ist es‹, sagte ich und wollte eben anfangen, von unsern Begebenheiten zu erzählen, woher wir gekommen und wer wir wären, als einer von den Christen, die mit uns kamen, den Reiter erkannte, der die Frage getan hatte, und, ohne mich weiterreden zu lassen, ausrief : ›Gelobt sei Gott, Señores, der uns so glücklich geleitet hat, denn wenn ich mich nicht irre, so ist die Gegend, in der wir jetzt sind, die von Velez Malaga, und wenn die Jahre meiner Gefangenschaft mir nicht mein Gedächtnis geraubt haben, so erinnere ich mich auch Eurer, Señor, der Ihr uns fragtet, wer wir wären, und Ihr seid Pedro de Bustamante, mein Oheim.‹
Der Christensklave hatte dies kaum gesagt, als der Reiter vom Pferde stieg, den Jüngling umarmte und sagte: ›O du mein bester, liebster Neffe, jetzt kenne ich dich, wie oft haben wir deinen Tod beweint, ich und meine Schwester, deine Mutter, und alle von deinen Angehörigen, die noch am Leben sind, und Gott hat uns gnädig erhalten, um uns die Freude zu gönnen, dich noch einmal wiederzusehen; wir wußten, daß du in Algier warest, und aus deinen Kleidern, wie aus denen der übrigen Gesellschaft, kann ich abnehmen, daß Ihr auf eine wunderbare Art Eure Freiheit erhalten habt.‹
›So ist es‹, antwortete der junge Mensch, ›und wir werden schon Zeit haben, Euch alles zu erzählen.‹
Sowie die Reiter hörten, daß wir alle Christensklaven wären, stiegen sie von ihren Pferden ab, und jeder bot das seinige an, um uns nach der Stadt zu führen, die noch anderthalb Meilen entfernt war. Einige davon entfernten sich, um die Barke nach der Stadt zu bringen, indem wir ihnen beschrieben, wo wir sie gelassen hatten; die übrigen nahmen uns hinter sich auf die Pferde, und Zoraida saß hinter jenem, der der Oheim des Christen war. Die ganze Stadt kam uns zum Empfange entgegen, weil einige vorangeritten waren und unsere Ankunft erzählt hatten. Sie verwunderten sich nicht darüber, freie Sklaven oder gefangene Mohren zu erblicken, denn die Einwohner der dortigen Küste sind daran gewöhnt, die einen wie die andern zu sehen, sondern sie erstaunten über die Zoraida, die in diesem Augenblicke, teils vom Wege erhitzt, teils voll Freude, sich in einem christlichen Lande und in Sicherheit zu befinden, ihr Gesicht mit so schönen Farben geschmückt hatte, daß, wenn mich die Liebe damals nicht täuschte, ich wohl sagen möchte, daß, wie sie war, kein schöneres Wesen auf Erden leben könne oder daß ich wenigstens noch kein schöneres gesehen hatte.
Wir gingen geradeweges nach der Kirche, um Gott für seine Gnade zu danken; Zoraida ging mit und sagte, daß Gesichter dort wären, die der Lela Marien glichen. Wir antworteten, daß es Bildnisse von ihr wären, und der Renegat machte ihr, so gut er konnte, deutlich, was sie bedeuteten, daß sie so zu ihnen beten möchte, als
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