Ein Hauch von Schnee und Asche
Hütte der MacNeills erreichten.
»Warum sind hier plötzlich so viele Fliegen?« Lizzie schlug nach einer fetten Schmeißfliege, die auf ihrem Arm gelandet war, dann wedelte sie zwei Fliegen beiseite, die ihr Gesicht umkreisten.
»Hier liegt irgendetwas Totes«, sagte Marsali und hob die Nase, um zu schnüffeln. »Vielleicht im Wald. Hört ihr die Krähen?«
Krähen saßen krächzend ringsum in den Baumwipfeln; ich hob den Kopf
und sah, dass noch mehr Vögel am Himmel kreisten, schwarze Flecken am gleißenden Himmel.
»Nicht im Wald«, sagte Brianna, deren Stimme plötzlich angestrengt klang. Sie hatte den Blick auf die Hütte gerichtet. Die Tür war fest geschlossen, und ein Fliegenschwarm drängte sich um das Fenster, das mit einem Stück Leder verschlossen war. »Schnell.«
Der Gestank im Inneren der Blockhütte war unaussprechlich. Ich sah, wie die Mädchen nach Luft schnappten und die Münder fest schlossen, als die Tür aufschwang. Unglücklicherweise war es unvermeidlich zu atmen. Ich atmete sehr flach, während ich mich durch das dunkle Zimmer bewegte und das Lederstück abriss, das fest vor das Fenster genagelt war.
»Lasst die Tür offen«, sagte ich, ohne den schwachen Klagelaut zu beachten, der beim Einströmen des Lichts vom Bett kam. »Lizzie – geh und zünde an der Tür ein Rauchfeuer an und noch eins draußen vor dem Fenster. Fang mit Gras und Stöckchen an und leg dann etwas darauf, das es zum Qualmen bringt – nasses Holz, Moos, feuchtes Laub.«
Innerhalb von Sekunden, nachdem ich das Fenster geöffnet hatte, waren die ersten Fliegen da und summten an meinem Gesicht vorbei – Hirschfliegen, Schmeißfliegen, Kriebelmücken. Vom Gestank angezogen hatten sie sich in ganzen Schwärmen auf der sonnengewärmten Außenseite der Baumstämme niedergelassen und begehrten jetzt Einlass, gierig nach Nahrung und nach einer Gelegenheit, ihre Eier abzulegen.
Das Zimmer würde in wenigen Minuten eine summende Hölle sein – doch wir brauchten Licht und Luft und würden mit den Fliegen einfach zurechtkommen müssen. Ich löste mein Halstuch und faltete es zu einer improvisierten Fliegenklatsche zusammen, mit der ich hin und her wedelte, während ich mich dem Bett zuwandte.
Dort lagen Hortense und die beiden Kinder. Sie waren nackt, und ihre bleichen Gliedmaßen schimmerten, weil sie in der versiegelten Hütte geschwitzt hatten. Dort, wo die Sonne auf sie fiel, waren sie klamm und weiß, und sie hatten rötlichbraune Streifen an Körper und Beinen. Ich hoffte, dass es nur Durchfall war, kein Blut.
Es hatte jemand gestöhnt; es bewegte sich jemand. Also nicht tot, Gott sei Dank. Die Bettwäsche lag in einem unordentlichen Haufen auf dem Boden – das war ein Glück, da sie noch weitgehend sauber war. Ich hielt es für besser, die Strohmatratze zu verbrennen, sobald wir die drei herunterbefördert hatten.
»Steck bloß nicht die Finger in den Mund«, murmelte ich Brianna zu, als wir uns an die Arbeit machten und das schwach zuckende Menschenhäuflein in seine Bestandteile auseinander sortierten.
»Du machst wohl Witze«, sagte sie mit zusammengebissenen Zähnen, während sie ein blasses Kind von etwa sieben Jahren anlächelte, das halb zusammengekrümmt und erschöpft in den Nachwehen einer Durchfallattacke
lag. Sie schob dem kleinen Mädchen die Hände in die Achselhöhlen. »Nun komm, Schätzchen, lass dich hochheben.«
Das Kind war zu schwach, um dagegen zu protestieren, dass man es aufhob; seine Arme und Beine hingen schlaff wie Fäden herunter. Der Zustand seiner Schwester war noch alarmierender; das Baby, das kaum älter als ein Jahr war, bewegte sich gar nicht, und seine Augen waren tief eingesunken, ein Zeichen für schwere Austrocknung. Ich ergriff seine winzige Hand und nahm seine Haut sanft zwischen Daumen und Zeigefinger. Sie blieb einen Moment aufgerichtet, eine kleine Erhebung in der gräulichen Haut, die dann ganz langsam zu verschwinden begann.
»Verfluchter Mist«, schimpfte ich leise vor mich hin und beugte mich rasch über das Kind, um es abzuhören, eine Hand auf seiner Brust. Es war nicht tot – ich konnte seinen Herzschlag gerade eben spüren – doch es war kurz davor. Wenn es zu schwach war, um zu nuckeln oder trinken, gab es nichts, was es retten konnte.
Noch während ich das dachte, erhob ich mich und sah mich im Inneren der Hütte um. Kein Wasser; ein ausgehöhlter Kürbis lag umgekippt und leer neben dem Bett. Wie lange hatten sie schon nichts mehr
Weitere Kostenlose Bücher