Ein Hauch von Schnee und Asche
habe sie.« Ich legte ihm sofort die Hand auf und drückte ihn, um ihm Zuversicht einzuflößen. »Legt Euch hin, Padraig. Wartet einen Moment, damit ich mich um sie kümmern kann, dann sehe ich nach Euch.« Es ging ihm zwar sehr schlecht, aber er war nicht in unmittelbarer Gefahr; die Kinder dagegen schon.
»Kümmert Euch nicht um mich«, murmelte Padraig. »Nicht… mich…« Er schwankte, schlug nach den Fliegen, die über sein Gesicht und seine Brust krabbelten, dann stöhnte er, als ein neuer Krampf seinen Bauch packte, und krümmte sich zusammen, als hätte ihn eine Riesenhand in ihrem Griff zerquetscht.
Ich war schon wieder im Laufschritt zum Haus unterwegs. Der Staub auf dem Weg war voller Wasserflecken – gut. Brianna war in Eile hier entlanggekommen.
Durch Amöben verursachte Dysenterie? Eine Lebensmittelvergiftung? Typhus? Cholera – bitte, lieber Gott, nicht das. All diese, sowie noch eine ganze Reihe weitere, Krankheiten wurden in dieser Zeit unter dem Oberbegriff »die rote Ruhr« geführt, und das aus nahe liegenden Gründen. Nicht, dass dies im Moment eine Rolle spielte.
Die unmittelbare Gefahr der gesamten Durchfallerkrankungen war die Austrocknung. Um die bakteriellen Eindringlinge loszuwerden, die den Darm reizten, spülte sich der Magen-Darm-Trakt wiederholt selbst durch und raubte dabei dem Körper das Wasser, das notwendig war, um den Blutkreislauf in Schwung zu halten, Abfallstoffe loszuwerden, den Körper durch Schweiß zu kühlen und Gehirn und Schleimhäute funktionsfähig zu erhalten – das Wasser, das zur Erhaltung des Lebens notwendig war.
Wenn man einen Patienten hinreichend mit Flüssigkeit versorgen konnte, indem man ihm intravenös Kochsalz- und Glukoselösungen einflößte, dann war es sehr wahrscheinlich, dass der Darm von selbst heilte und sich der Patient erholte. Ohne intravenöses Eingreifen blieb nur die Möglichkeit, dem Patienten durch den Mund mit Flüssigkeit zu versorgen, so schnell und so dauerhaft wie möglich, bis es ihm besser ging. Wenn der Patient Wasser bei sich behalten konnte.
Ich glaubte nicht, dass sich die MacNeills auch noch erbrachen; ich konnte mich nicht erinnern, diesen Geruch unter all den anderen Varianten in der Hütte ausgemacht zu haben. Wahrscheinlich also keine Cholera; das war immerhin etwas.
Brianna saß auf dem Boden neben dem größeren Kind, sie hatte den Kopf des kleinen Mädchens auf dem Schoß und hielt ihm einen Becher an den Mund. Lizzie kniete am Kamin, das Gesicht hochrot vor Anstrengung, während
sie Feuer machte. Die Fliegen landeten nach wie vor auf dem reglosen Körper der Frau auf dem Bett, und Marsali saß über die reglose Gestalt des Babys auf ihrem Schoß gebeugt und versuchte panisch, es zu wecken, damit es trank.
Verschüttetes Wasser rann in Streifen über ihren Rock. Ich konnte sehen, wie der winzige Kopf auf ihrem Schoß nach hinten hing und das Wasser über die schlaffe und furchtbar eingefallene Wange des Babys lief.
»Sie kann es nicht«, jammerte Marsali immer und immer wieder. »Sie kann es nicht, sie kann es nicht!«
Ohne meine eigene Ermahnung bezüglich der Finger zu beachten, steckte ich dem Baby den Zeigefinger in den Mund und tastete seinen Gaumen nach einem Würgereflex ab. Da war er; das Baby verschluckte sich an dem Wasser in seinem Mund und schnappte nach Luft, und ich spürte, wie sich seine Zunge eine Sekunde lang fest um meinen Finger schloss.
Es saugte. Es war ein Säugling, der noch gestillt wurde – und der Saugreflex ist der erste Überlebensinstinkt. Ich fuhr herum, um mich nach der Frau umzusehen, doch ein einziger Blick auf ihre flachen Brüste und eingesunkenen Brustwarzen genügte; dennoch packte ich ihre Brust und drückte mit den Fingern gegen die Brustwarze. Noch einmal und noch einmal – nein, nein, es zeigten sich keine Milchtropfen auf den bräunlichen Brustwarzen, und das Gewebe in meiner Hand war schlaff. Kein Wasser, keine Milch.
Marsali, die begriff, worum es ging, fasste an den Halsausschnitt ihrer Bluse und zog ihn herunter, um dann das Kind an ihre entblößte Brust zu drücken. Seine winzigen Beine lagen reglos auf ihrem Kleid, die Zehen bläulich und eingerollt wie verwelkte Blütenblätter.
Ich legte Hortense den Kopf zurück und ließ ihr Wasser in den offenen Mund rinnen. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Marsali mit einer Hand rhythmisch auf ihre Brust drückte, um den Milchfluss in Gang zu bringen, während meine eigenen Finger ihre Bewegung nachahmten und die
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