Eine Sünde zuviel
Konsequenz aus: die Einweisung in eine Nervenanstalt. Beides war zu überlegen, und eine Möglichkeit würde sich zwangsläufig aus den Situationen ergeben, die sich nach dem Antritt des ›Erbes‹ darstellten. Das Wichtigste aber schien Dahlmann zunächst ein Punkt zu sein, bei dem es bei ihm völlige Klarheit gab: Luise durfte nie ein Kind bekommen. Die Kindesklausel der Übereignung machte ihn wieder abhängig, und allein der Gedanke, wieder nur ein geduldeter Nutznießer zu sein, beflügelte ihn zu Gemeinheiten schon gegenüber dem noch nicht gezeugten neuen Leben.
Kurz vor Hannover änderte Dahlmann seinen Plan, sofort nach Hause zurückzukehren. Er fuhr statt dessen zu Dr. Kutscher und hielt sich nicht lange in dem Vorzimmer auf. Er ging einfach ins Privatbüro, bevor die Sekretärin ihn daran hindern konnte.
Dr. Kutscher war weder verblüfft noch böse. Er nickte nur und zeigte auf die Ledercouch.
»Setzen Sie sich. Höflichkeit bin ich von Ihnen nicht gewöhnt. Erwarten Sie also auch keine von mir. Reden wir Tacheles …«
»Was sollen wir reden?« fragte Dahlmann und setzte sich.
»Ach so! Ein Ausdruck aus dem Jiddischen. Also – Sie wollen fragen, wie weit ich mit der Ausarbeitung des Vertrages bin –«
»Sie sollten als Hanussen III auftreten und Gedanken lesen.«
»Meine Antwort, klipp und klar: Ich habe nicht eine Zeile entworfen!«
»Und warum?«
»Ich lehne es ab, diese Sauerei mitzumachen.«
»Sie haben doch wohl nicht die Absicht, Ihre Schweigepflicht …«
»Mein lieber Lumpenhund … halten Sie mich für blöd?! Ich weigere mich bloß! Ich gehe in die Opposition. Ich leiste passiven Widerstand.« Dr. Kutscher faltete die Hände und sah Dahlmann fast gemütlich und genüßlich an. »Im Gegenteil … ich habe da eine wundervolle Sache, die ich als Weigerungsgrund angeben kann. Der saudumme Ehemann der Luise Dahlmann hat ihn mir selbst geliefert –«
»Wieso?« Dahlmann sprang auf. Er war bleich geworden. Wenn Dr. Kutscher lächelte, war er gefährlich. Er war ein Mensch, der sich so über seine Unbesiegbarkeit freute, daß er es allen zeigte. Es war eine Zurschaustellung von schon ekelhafter Sicherheit.
»Ganz einfach: Ihre werte Gattin ist gar nicht geschäftsfähig.«
»Was?!«
»Bitte, reißen Sie die Augen nicht so auf, Sie sind kein Pantomime, der Entsetzen darstellen muß. Überlegen Sie lieber: Eine solche Schenkung, an der – ich habe es ausgerechnet – mit Grundvermögen, Grundstücken, Häusern, Apotheke, Umlaufvermögen und was es da alles gibt, immerhin zweieinhalb Millionen Mark hängen, kann nur ein Mensch machen, der hundertprozentig im Besitz seiner geistigen Kräfte ist.«
»Aber das ist doch Luise!«
»Mein Bester –« Dr. Kutscher schüttelte den Kopf. »Vergessen Sie doch nicht, was sogar der Nervenfacharzt Dr. Vierweg weiß: Ihre Gattin hört immer – tick-tick-tick – einen fallenden Wassertropfen und – tack-tack-tack – einen klopfenden Specht … Dabei fällt kein Tröpfchen, und kein Vögelchen hackt in die Baumrinde. Sie haben es ja selbst bezeugt …«
Ernst Dahlmann verschlug es den Atem. Er spürte, wie seine Knie weich wurden, wie ein Beben durch seinen Körper lief, wie eine Schwäche sich über seine Augen legte und das Zimmer langsam rotieren ließ.
»Das ist doch nicht möglich …«, stammelte er.
»Ich muß es als korrekter Anwalt ablehnen, solcherart Verträge ernst zu nehmen von Klienten, die ›Stimmen hören‹ und offensichtlich nervenkrank sind …«
»Das … das sagen Sie …«
»Ja.«
»Wo Sie die Wahrheit wissen!«
»Eben! Nur Sie und ich wissen sie … und keiner wird sie sagen können. Sie nicht – das sehe ich ein, ich nicht – das bedauere ich zutiefst. Die ›Wahrheit‹ kennt nur der Fachmann, der Nervenarzt Dr. Vierweg. Er wird von Psychosen und Schizophrenien sprechen … Sie haben sich ja so darum bemüht, daß diese Diagnose sonnenklar wird.«
Dahlmann saß wieder auf dem Ledersofa und stützte den Kopf in beide Hände. Es hatte keinen Sinn, zu toben und zu schreien, Dr. Kutscher das zu sagen, was ihm auf der Zunge lag … Es änderte alles nichts daran, daß er sich selbst in seiner Schlinge gefangen hatte. Die bis ins letzte ausgeklügelte Gemeinheit ummauerte ihn jetzt, und es gab keine Möglichkeiten, diese Wände einzureißen, ohne die Teuflischkeiten zu gestehen. Dr. Kutscher brannte sich eine Zigarre an und blies herrliche Kreise gegen die Decke. Schon als Studiosus hatte er mit dieser Lippenkunst
Weitere Kostenlose Bücher