Eismord
beim Militär, und trotzdem waren Flughäfen immer noch »Flugfelder« und Bahnhöfe nach wie vor »Bahnstationen«. Aber Papa nahm man das irgendwie ab.
Papa stand eine Weile, die Hände auf dem Rücken verschränkt, da und starrte aus dem Fenster. Er hatte die Lichter ausgemacht, im ganzen Erdgeschoss. Im Kamin brannte ein schwaches Feuer und warf lange Schatten über den Boden und die Wände hinauf. Jack liebte dieses Haus – all das Holz und die dicken Teppiche und teuren Möbel und die Stille und Abgeschiedenheit des Waldes. Letzte Woche hatten sie im Freien kampiert, und Papa hatte sie ja wahrhaftig gut dafür trainiert, aber danach wusste man ein gemütliches Haus umso mehr zu schätzen. Einerseits wünschte sich Jack, sie könnten für immer hierbleiben, andererseits wusste er, dass es nie dazu kommen würde.
Das Panoramafenster, so groß wie eine Kinoleinwand, bot einen Blick auf den See – die letzten schwarzen Stellen offenes Wasser. Inzwischen schneite es kräftig, und ein starker Wind wirbelte die Flocken quer übers Fenster. In kurzen Abständen folgte der Donner den zuckenden Blitzen, in denen das Schneegestöber plötzlich wie in grellen Schlaglichtern erschien und dann wieder im schwarzen Einerlei verschwand.
Jack – mit richtigem Namen hieß er Jackson Michael Till – war seit sechs Jahren bei Papa. Immerhin so lange, dass er sich manchmal einbildete, den Mann zu kennen, ja, sogar zu verstehen. Dann wieder dämmerte ihm, dass er ihn nie durchschauen würde.
Papa wandte sich vom Fenster ab und legte eine Hand auf die Brust. »Gewitter gehen mir nahe«, sagte er. Er sagte das in diesem leisen, vertraulichen Ton, der suggerierte, dass er so mit keinem anderen redete. Auch wenn Jack das nie zugegeben hätte, liebte er diesen Ton. Er wartete gespannt darauf, ja, er sehnte sich danach, und obwohl ihn diese Gefühle wahrscheinlich in eine ungünstige Position brachten, konnte er von dieser Stimme nie genug bekommen.
»Blitz und Donner, besonders im Winter«, sagte Papa, »die berühren mich so tief« – er klopfte sich auf die Brust – »wie nichts sonst.«
»Mich auch«, sagte Jack und merkte erst, als er es aussprach, dass es stimmte. Papa brachte ihn oft dazu, Dinge zu sagen, die einerseits stimmten und ihn andererseits selbst überraschten.
»Willst du einen Brandy mit mir trinken? Mr. Kreeger hat im Büfett eine Flasche Delamain.«
»Klar, und ob.« Jacks Tonfall und Wortwahl erschienen ihm nach Papas etwas förmlicher Redeweise hässlich und proletenhaft. In Papas Gesellschaft bekam man das Bedürfnis, alles an sich selbst zu verbessern, sogar die Art, wie man sprach. Jack hatte in seinem ganzen Leben keinen Brandy getrunken, außer wenn er mit Papa zusammen war, doch er räusperte sich und sagte: »Brandy wäre jetzt genau das Richtige.«
Papa trat an das Büfett und goss zwei Gläser ein. Das Licht des Feuers glitzerte in der hellen, bernsteinfarbenen Flüssigkeit. »Ich würde gerne einen Toast ausbringen.«
»Okay.«
»Die Sache ist durchaus ein bisschen feierlich, Jack. Könntest du dich erheben?«
»Tut mir leid.« Jack sprang auf.
»Kein Grund, dich zu entschuldigen«, sagte der ältere Mann. »Ich will dich ganz bestimmt nicht verlegen machen. Ich bringe einen Toast auf Jack aus – einen Mann, der seinen eigenen Verhaltenskodex hat und ihm unbeirrbar folgt. Einen Mann, der weiß, was er will, dem keiner etwas vorschreiben kann, falls er es nicht selbst will. Ein wahrer Soldat – mit einem scharfen Verstand und Unterscheidungsvermögen, der nicht einfach blindlings Befehle ausführt, sondern für seine Überzeugungen kämpft. Kurz gesagt, auf Sie, Sir …« Er stieß mit Jack an. »In Dankbarkeit für alles, was du für diese Familie getan hast. Dafür, dass du meine rechte Hand bist. Ich verdanke dir mehr, als ich sagen kann.«
Jack nahm einen Schluck. Der Brandy brannte ihm auf der Zunge, so dass er beinahe husten musste.
»Also, lassen wir die Förmlichkeiten«, sagte Papa und klopfte Jack auf die Schulter. »Wie wär’s, wenn wir uns ans Feuer setzen und du mir deine verdammte Kriegsgeschichte erzählst!«
Es stand nur ein Ledersessel beim Kamin. Papa hob einen anderen hoch und trug ihn durchs Zimmer. Er stellte ihn schräg zu dem anderen.
»Such dir einen aus«, sagte Papa. »Und dann erzähl mir alles.«
Jack setzte sich hin. Er streckte die Füße aus und betrachtete sie. Dann sah er Papa an. »Bestimmt? Ich hab dir doch schon alles
Weitere Kostenlose Bücher