Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Elfenlicht

Elfenlicht

Titel: Elfenlicht Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Bernhard Hennen
Vom Netzwerk:
ein Fechtlehrer?«
    »Er kann einen Säbel schweben lassen, so wie er den Weinschlauch schweben lässt. Hast du einmal gegen eine Klinge gekämpft, hinter der kein Krieger steht, den du verwunden kannst? Jeder richtige Kampf erscheint dir danach wie ein Kinderspiel. Wenn er will, kann er sogar fünf Säbel gleichzeitig kämpfen lassen. Und er schleudert allein kraft seines Willens Dolche durch die Luft, wie andere Armbrustbolzen verschießen. Außerdem betrachtet er sich auch noch als einen genialen Bauherren, einen der bedeutendsten lebenden Dichter, einen unschlagbaren Falrach-Spieler und den Besitzer des elegantesten Bartes, den die Welt jemals gesehen hat. Man könnte auch sagen, er ist maßlos in allen Dingen, die er tut. Aber in den meisten ist er wirklich gut.«
    »Das habe ich gehört, Wölfchen«, rief der Lamassu. Er ließ den Lederschlauch in Melvyns Richtung schweben. »Komm, trink, dann kannst du nicht noch mehr Unsinn über mich erzählen.«
    »In deiner Heimat musst du ein Fürst sein«, sagte Nestheus ehrfürchtig.
    Artaxas rollte mit den Augen. »Alle Lamassu halten sich für Fürsten. Zum Glück gibt es von uns nicht allzu viele. Ich ziehe es vor, der Lehrer eines Elfen zu sein, den man schon als Kind wegen seiner schlechten Manieren in der Wildnis ausgesetzt hat.« Er rülpste. »Manchmal fürchte ich allerdings, dass sein schlechter Einfluss auf mich abfärbt. Aber genug davon ... Komm, trink auch etwas. Für jemanden, der nüchtern bleibt, wird es sicherlich bald ziemlich ungemütlich auf dieser Wiese.«
    Der Lederschlauch entglitt Melvyns Händen und schwebte zu dem Kentauren hinüber.
    Nestheus hob abwehrend die Hände. »Ich vertrage nicht viel.«
    »Dann müssen wir uns ja keine Sorgen machen, dass für uns nicht genug übrig bleibt.«
    »Wenn ich getrunken habe, sage ich manchmal unbedachte Dinge ...«
    Der Stiermann brach in schallendes Gelächter aus. »Da befindest du dich in bester Gesellschaft. Komm, zier dich nicht wie eine alte Jungfer. Trink, Junge!« Der Kentaur setzte das Mundstück an die Lippen und nahm einen tiefen Zug. Dann reichte er den Schlauch Melvyn. Er wirkte verlegen.
    »Auf Ollowain!«, rief der Elf, und etliche Kentauren nahmen seinen Trinkspruch auf.
    Melvyn drückte den Lederschlauch, und ein Strahl Wolfsmilch spritzte ihm in den Mund. Das Getränk brannte auf der Zunge und in der Kehle. Wenn es aber erst einmal den Magen erreichte, dann breitete sich wohlige Wärme aus. Und es sprengte die Fesseln des Geistes. Die Welt sah anders aus, wenn man nur genug Wolfsmilch trank. Freundlicher. Mehr so, wie man sie gerne gehabt hätte. Dieser Zaubertrank aus vergorener Stutenmilch und anderen Zutaten, nach denen Melvyn nie zu fragen gewagt hatte, war ein Geschenk an alle, die einen Abend lang vergessen wollten. Und im Gegensatz zu Wein oder Bier wirkte es sehr schnell.
    Melvyn war bereits leicht beschwipst, als er sah, wie der Kentaur Senthor kam und auf Nestheus einredete. An Nestheus‘ Seite war eine junge Stute. Ein hübsches Mädchen. Der Wolfself hatte gar nicht bemerkt, wie sie gekommen war. Sie hatte langes, weißblondes Haar. Auch ihr Schweif war von dieser Farbe, und wie Nestheus war sie ein Schimmel. Die beiden passten gut zueinander.
    Der schrille Klang von Luren hallte über die Wiese. Melvyn blickte auf. Auf dem Hügel bei Orimedes hatte sich Katander von Uttika eingefunden. Der verwundete Fürst musste von zweien seiner Krieger gestützt werden, um stehen zu können. Lurenbläser standen um den Fuß des Hügels und streckten ihre schlangengleichen Instrumente dem Himmel entgegen. Als ihr eindringlicher Ruf ein zweites Mal erscholl, verstummten die Lieder der Zecher und die gelallten Prahlereien über Liebesund Kriegsabenteuer.
    »Du wirst zu ihm kommen. Sofort!« Senthor verstummte, als er bemerkte, wie alle ihn anblickten. Das Kentaurenmädchen an seiner Seite wirkte erschrocken.
    »Nicht heute Abend!«, entgegnete Nestheus entschieden.
    »Meine Brüder!« Die Stimme des Fürsten Orimedes klang ein wenig heiser, und man hörte ihr an, dass er schon hart daran gearbeitet hatte, seinen Schwur gegenüber Ollowain zu erfüllen. »Seite an Seite haben wir mit den Uttikern gekämpft. Und nun trinken wir mit ihnen und gedenken gemeinsam unseres größten Helden. Uttiker haben Steppenreitern das Leben gerettet, und auch wir haben die Haut von manchem Goldkrebs gerettet. Die Feuer des Krieges schmieden Freundschaften, die nie mehr zerbrechen. Aus Verachtung wurde

Weitere Kostenlose Bücher