Endymion - Pforten der Zeit & Die Auferstehung
Aber, verdammt, das solltest du wohl auch. Es waren nur...
was... eine oder zwei Wochen Reise und Kälteschlaf im Schiff für dich.«
Ich verspürte einen Anflug von Zorn in meiner überschäumenden Glückseligkeit. »Gottverdammt, Aenea. Du hättest mir von der Zeitschuld erzählen sollen. Und vielleicht über das Farcasten zu einer Welt ohne Fluss oder festen Boden. Ich hätte sterben können.«
Aenea nickte. »Aber ich wusste es nicht mit Sicherheit, Raul. Es gab keine Gewissheit, nur die üblichen... Wahrscheinlichkeiten. Darum haben A. Bettik und ich das Parasegel in das Kajak eingebaut.« Sie grinste wieder. »Ich schätze, es hat funktioniert.«
»Aber du hast gewusst, dass es eine lange Trennung sein würde. Jahre für dich.« Ich formulierte es nicht als Frage.
»Ja.«
Ich plapperte weiter, spürte die Wut so schnell verrauchen, wie sie gekommen war, und hielt sie an den Armen. »Schön, dich zu sehen, Spatz.«
Sie umarmte mich wieder, und diesmal küsste sie mich auf die Wange, wie sie es als Kind immer getan hatte, wenn ich sie mit einem Witz oder einer Bemerkung erheitert hatte.
»Komm mit«, sagte sie. »Die Nachmittagsschicht ist zu Ende. Ich zeige dir unsere Plattform und stelle dich einigen Leuten dort vor.«
Unsere Plattform? Ich folgte ihr Leitern hinunter und über Brücken, die mir beim Wandern mit Rachel nicht aufgefallen waren.
»Ist es dir gut ergangen, Aenea? Ich meine... ist alles in Ordnung?«
»Ja.« Sie sah über die Schulter und lächelte mir wieder zu. »Alles ist gut, Raul.« Wir überquerten eine Terrasse an der Seite der höchsten von drei Pagoden, die übereinander gebaut waren. Ich konnte spüren, wie die Plattform ein wenig erbebte, als wir über die schmale Terrasse gingen, und als wir auf die Plattform zwischen den Pagoden hinaustraten, vibrierte das gesamte Gebäude. Mir fiel auf, dass Leute die westlichste Pagode verließen und dem schmalen Sims an der Felswand folgten.
»Dieser Teil kommt einem ein bisschen unsicher vor, er ist aber fest genug«, sagte Aenea, der mein Zögern auffiel. »Balken harter Bonsaikiefer sind in Löcher gesteckt, die in den Fels gebohrt wurden. Das trägt den gesamten Unterbau.«
»Sie müssen doch einmal verrotten«, sagte ich, als ich ihr auf eine kurze Hängebrücke folgte. Wir schwankten im Wind.
»Stimmt«, sagte sie. »Sie wurden mehrmals in der achthundertjährigen Existenz des Tempels ausgewechselt. Niemand ist ganz sicher, wie oft. Ihre Aufzeichnungen sind noch unzuverlässiger als der Boden.«
»Und du bist angestellt worden, um einen Anbau an die Anlage zu machen?«, fragte ich. Wir waren auf eine weitere Plattform und zu einer schmaleren Brücke gekommen, die von da aus weiterführte.
»Ja«, sagte Aenea. »Ich bin ein Mittelding zwischen Architektin und Bauleiterin. Ich habe gleich nach meiner Ankunft den Bau eines Taoistischen Tempels in der Nähe von Potala überwacht, und der Dalai Lama dachte, dass es mir gelingen könnte, den ›Tempel, der in der Luft hängt‹, fertig zu bauen. Ein paar potenzielle Renovierer haben in den vergangenen Jahrzehnten frustriert das Handtuch geworfen.«
»Nach deiner Ankunft«, wiederholte ich. Wir waren auf eine hohe Plattform im Zentrum des Bauwerks gekommen. Sie war von einem wunderschön geschnitzten Geländer umgeben, zwei kleine Pagoden drängten sich unmittelbar am Rand. Aenea blieb vor der Tür der ersten Pagode stehen. »Ein Tempel?«, fragte ich.
»Meine Unterkunft.« Sie grinste und winkte mich ins Innere. Ich sah hinein. Der quadratische Raum maß nur drei mal drei Meter, der Boden bestand aus poliertem Holz mit zwei kleinen Tatamimatten. Am auffälligsten war die Wand gegenüber – die einfach nicht da war. Shoji-Schirme waren zurückgeklappt worden, und das gegenüberliegende Ende des kleinen Zimmers endete im Freien. Ein Schlafwandler hätte dort ins Nichts spazieren können. Der Wind, der an der Felswand heraufwehte, raschelte in den Blättern von drei weidenähnlichen Zweigen in einer wunderschönen senfgelben Vase, die auf einem kleinen Holzpodest an der Westwand stand.
Sie bildete den einzigen Schmuck in dem Raum.
»Wir tragen keine Schuhe in den Gebäuden – abgesehen von den Durchgangskorridoren, durch die du vorhin gekommen bist«, sagte sie. Sie ging voran zu der anderen Pagode. Die war beinahe identisch mit der ersten, abgesehen davon, dass die Shoji-Schirme hier zugezogen waren und auf dem Boden davor ein Futon stand. »A. Bettiks Sachen«, sagte sie und
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