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gefunden, gepostet von Leuten mit unterschiedlichen Graden von wissenschaftlicher Glaubwürdigkeit. Am Ende hatte sie eigentlich nicht mehr gewusst als vor dem Gespräch mit Onkel Jacob. Und dennoch hatte der Zusammenhang mit Menstruationsblut einen massiven psychischen Nachhall gefunden (eben deshalb war der Mythos ja überhaupt so weit verbreitet), und deshalb richtete sich an jenem frühen Morgen, an dem sie an der Anhängerkupplung des Pickups angekettet war und sich klarmachte, dass das, was da herumschnupperte und -tapste, ein Bär war, ihr Verstand geradewegs auf ihre Gebärmutter, und sie fragte sich, ob sie sich vielleicht mit den Tagen verzählt und mitten in der Nacht ihre Periode bekommen hatte. Allerdings fühlte es sich nicht so an. Komisch, wie der Verstand tickte; sie gestattete sich sogar einen kurzen Abstecher ins Metaland der Ironie und fragte sich, ob schon einmal irgendwer auf der Welt – in der Geschichte – im Zeitraum einer einzigen Woche von Gangstern, Terroristen und Bären bedroht worden war. Wann würden die Piraten und die Dinosaurier auftauchen?
Aber schließlich erkannte und verstand sie, wonach der Bär in Wirklichkeit suchte, und machte sich bewusst, dass der ganze Gedankengang in Richtung Menstruationsblut eine gefährliche Übung in Egozentrik war. Der Bär wollte sich holen, was Bären sich immer holen wollen: Abfall. Die leeren Schalen der Rationen. Infolge der durch die Kette um ihren Knöchel und die sie umgebende Wand aus aufgeschichtetem Buschwerk erzwungenen Einschränkungen war sie nicht in der Lage gewesen, auf die bei den Pfadfinderinnen bewährte Weise damit zu verfahren: sie in einen Beutel zu stecken und weit vom Camp entfernt an einen Baum zu hängen.
Es hörte sich so an, kam ihr so vor, als wäre das Tier nur eine Armeslänge von ihr entfernt, aber sie sagte sich, dass ihre Angst die Entfernung geringer erscheinen ließ, als sie tatsächlich war. Sie hatte noch eine Ration übrig. Sie schälte den Deckel davon ab, warf sie in Richtung des schnüffelnden, schnaufenden Geräuschs und zog sich dann unter das Fahrgestell des Pickups zurück.
Auf seinen Panzerketten hatte das Fahrzeug absurd viel Bodenfreiheit, sodass sich die Trittbretter auf Höhe von Zulas Hüften befanden. Zwar konnte sie darunter nicht stehen, aber sie konnte mühelos auf den Fersen hocken, sodass ihr Kopf in die Lücke zwischen Antriebswelle und Karosserie ragte. Der Raum darunter war keineswegs leer, sondern voller Unterholz, einer Mischung aus Gestrüpp und kleinen Nadelbaumsämlingen, die beim Zurücksetzen des Pickups unbeschädigt unter dessen Stoßstange hindurchgeglitten waren. Sie waren nicht geknickt und standen nach wie vor aufrecht. Zula versteckte sich also nicht nur im Unterholz, sondern nahm auch unter einem Pickup Deckung, was, wie sie hoffte, ausreichen würde, um sie vor den Klauen des Bären zu bewahren. Sie hatte die Vorstellung, dass es sich um ein großes Tier handelte. Aber dass sie das dachte, war natürlich klar. Vielleicht war er zu massig, um sich unter den Pickup quetschen zu wollen; vielleicht gab er sich ja mit der leichteren Beute der Ration zufrieden, die Zula in seine Richtung geworfen hatte. Zu genießen schien er sie jedenfalls. Sie versuchte zu überlegen, was sie tun würde, wenn er unter den Wagen kroch, um sie zu kriegen. Ihn mit der Faust auf die Nase schlagen? Nein, das war das, was man bei einem Hai tun sollte. Funktionierte bei einem Bären vielleicht nicht. Bei Bären sollte man versuchen, möglichst groß zu wirken. Nicht versuchen, wegzulaufen. Weglaufen schied bei ihr ohnehin aus. Groß zu wirken könnte schwierig werden. Die Kette an ihrem Knöchel war etwa sieben Meter lang. Weniger als die Hälfte davon war dazu verwendet worden, ihren Knöchel mit der Anhängerkupplung zu verbinden. Der Rest hing einfach auf den Boden. Sie zog ihn zu sich heran und wickelte ihn dabei um ihre linke Hand, die sie auf diese Weise in eine dicke Stahlkeule verwandelte. Die Schwere der Kette brachte sie aus dem Gleichgewicht, und sie stützte sich rasch mit der Rechten am Chassis des Wagens ab. Sie rechnete damit, dass es durchweg fest und solide sein würde, und größtenteils war es das auch; aber unter ihrer Hand gab auch etwas nach, etwas Kleines, nicht ganz so Stabiles.
Sie erstarrte zu vollkommener Reglosigkeit. Der Bär gab immer noch ungemein zufriedene, schmatzende Geräusche von sich und holte das Maximum aus der Ration heraus. Aber einige Augenblicke
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