Exil - Wartesaal-Trilogie ; [3]
ganz so anmaßend; ich weiß, was für ein Musiker Sie sind, und ich kann’s Ihnen nachfühlen, was es für Sie bedeutet, wenn Sie auf Ihre Arbeit verzichten sollen und statt dessen für unser klägliches Blättchen schreiben. Und ich bin nicht frech, und es kostet mich Überwindung, aber da steh ich und bitte Sie: halten Sie durch, arbeiten Sie weiter für uns.« Er sah Sepp dasitzen, die langen Lippen angestrengt zusammengepreßt, starke Falten in der Stirn, finster, und er kam sich brutal vor. Doch in gewissen Fällen ist Takt nicht angebracht undBrutalität ein Gebot der Menschlichkeit. »Ich kann mir vorstellen«, fuhr er fort, »was Sie sich jetzt denken, Sepp, wahrscheinlich so was wie: Leckt mich am Arsch, und ich nehm es Ihnen nicht übel. Denken Sie sich’s, denken Sie sich etwas sehr Bayrisches, sehr Grobes, aber bleiben Sie. Ich glaube, Sie werden sich nicht wohl fühlen, wenn Sie nicht bleiben.«
Die ganze Zeit über hatte Sepp beinah etwas wie Schadenfreude gespürt, wie er Pitt sich abarbeiten sah, und alle seine Argumente waren an ihm abgeprallt. Doch dieses letzte Argument, Pitts Satz, er werde sich selber nicht wohl fühlen, wenn er nicht bleibe, traf ihn. Hätte Pitt noch länger auf ihn eingeredet, dann hätte er wahrscheinlich nicht mehr standgehalten.
Allein Pitt konnte nicht mehr. Was er an Zudringlichkeit und an Überredungskunst besaß, war erschöpft. Und da Sepp schwieg, sprach er von anderem. »Geld haben wir für eine Weile«, erzählte er. »Justizrat Zarnke hat hunderttausend aufgebracht, und ich habe mein Händel-Manuskript verkauft, Sie wissen, Opus 59.«
Er sprach auf seine übliche Art, gedehnt, schlacksig, aber Sepp bewegten gerade diese einfachen Worte mehr als alles, was Pitt vorher gesagt hatte. Um ein Haar hätte er erwidert: Da haben Sie meine Hand, natürlich bleibe ich bei Ihnen. Aber: Holla, halt auf, dachte er, keine neuen Dummheiten, und er riß sich zurück und antwortete nur: »Ich danke Ihnen jedenfalls für Ihren Rat, Pitt.«
Verfinstert hockte er, als Pitt gegangen war. Die wären ja nicht weniger geschleckig. Es wäre ja verrückt, wenn er ihnen weiter den Hanswurst machte. Mit ihrem bißchen Solidarität und Kameradschaft glauben sie, ihn auf Lebenszeit eingefangen zu haben. Wozu ist Anna gestorben, wenn er jetzt nicht einmal mehr nach der Erkenntnis soll leben dürfen, die ihr Tod ihm gebracht hat?
Und wenn dieser Pitt ihm mit seinem blöden Händel-Manuskript kommt, dann ist das nichts als ein frecher Bluff. Es fällt ihm gar nicht ein, sich von so was imponieren zu lassen. Ein Manuskript, ein Stück Papier: und er, Sepp, soll seineAufgabe, sein ganzes Leben opfern. So ein Vergleich ist einfach eine Ausgeschämtheit.
Er ist grimmig zufrieden, daß er sich nicht hat breitschlagen lassen. Dennoch ist die Freude auf seine Musik fort, die tiefe Freude, die ihn vor Pitts Besuch erfüllt hat. Er ruft Anna zu Hilfe. Aber es gelingt ihm nicht mehr, ihr Bild mit der rechten Deutlichkeit vor sich hinzustellen. Statt ihrer klingenden Stimme hört er nur mehr die gelassene, kölnische Peter Dülkens: »Und ich hab mein Händel-Manuskript verkauft, Sie wissen, Opus 59.«
Am andern Morgen dann bekam er zum erstenmal die »Pariser Deutsche Post« zu Gesicht. »P. D. P.« sagte er vor sich hin, erbittert, verächtlich, aber er machte sich dennoch, und sogleich, an die Lektüre. Zuerst las er mit erkrampfter Gleichgültigkeit, dann immer gieriger, mit fachmännischem Interesse. Er beschaute die Titelseite, den neuen Kopf. Er las die Notiz, welche die Titelveränderung des Blattes begründete. Sie war geschickt, sie sprach von Differenzen zwischen Verlag und Redaktion, polemisierte aber nicht gegen Gingold und gab dem keine Handhabe zum Eingreifen; auch war sie an unauffälliger Stelle gebracht, so daß wenige von den Abonnenten merken werden, daß es sich um eine neue Zeitung handelte. Dann las er seine »Führerrede« über Richard Wagner; die Burschen hatten sie wirklich derart plaziert, daß sie jeder lesen mußte. So las er die ganze Nummer durch, vom ersten bis zum letzten Buchstaben, nicht als Leser, sondern als Redakteur. Er war ganz bei der Sache, er stieß Ahas aus, schnalzte mit der Zunge, ärgerte sich, sagte vor sich hin: »Saubande, damische«, und: »Großartig«, und: »Da haben wir’s ihnen aber gegeben.«
Erst als er zu Ende war und das Blatt auf den Schreibtisch zurückwarf, merkte er, verwundert, erschreckt und mit Selbstverachtung, wie sehr die
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