Exil - Wartesaal-Trilogie ; [3]
ein zweites Mal den Fuß in die gleicheWelle setzen kann? Doch der geheime Grund seines Unmuts lag tiefer. Er wollte jemand haben, bei dem er sich über sich selber beschweren konnte, auf daß man ihn tröste über die eigene Unbeschwingtheit und Leere. Aber vor dem Tschernigg, der da vor ihm saß, konnte er nicht reden. Das war nicht der Mann, der ihm seinerzeit seine Verse vorgelesen hatte im Café Zur guten Hoffnung. Mit diesem Tschernigg hatte er nichts mehr gemein.
Man kam auf das »Sonett 66« zu sprechen. Der beschäftigte Sepp hatte Tschernigg gewähren lassen; so war die Ausgabe von »Sonett 66« so geworden, wie der gewünscht hatte, kostbar in der Ausstattung und mit einer prätentiösen Einleitung versehen. Die Ereignisse der letzten Wochen hatten Sepp verhindert, Tschernigg zu sagen, wie zuwider ihm diese Aufmachung war. Heute war er in der rechten Stimmung für eine solche Meinungsäußerung. Er machte sich unsachlich und bösartig lustig über die Erlesenheit des Papiers, der Typen, des Einbands und zerpflückte kleinlich Tscherniggs einleitenden Essay. Sepp fand in der Erbitterung höchst kränkende Worte. Zuerst erwiderte Tschernigg duldsam, allmählich aber geriet auch er in Rage und suchte den andern zu verletzen. »Der hämische Ton, Professor«, sagte er und machte seine hohe Kinderstimme besonders sanft, »steht Ihnen gar nicht. Sie sind von Natur gutmütig, und wenn Sie bösartig werden, dann werden Sie bestürzend unsachlich. Sie sprechen längst nicht mehr über meinen Essay, Ihre Einwände richten sich gegen den ganzen Oskar Tschernigg von heute. Und auch diesen Tschernigg sehen Sie mit bedauerlicher Subjektivität. Sie sehen ihn nur deshalb so übelwollend, weil Sie mit sich selber so wenig einverstanden sind. Ich habe Ihnen einmal gesagt, es sei merkwürdig, wie man in jeder Lebenslage ein anderes feindliches Prinzip für das übelste hält. Damals sah ich meinen schlimmsten Feind in der Hausordnung des Asyls. Jetzt habe ich erkannt, daß der Erzfeind nicht in irgend etwas Äußerem steckt, sondern immer in einem selber. Mein erbittertster Feind ist nicht Hitler und die Dummheit, mein erbittertster Feind binich. Und was Ihnen heute so auf die Nerven geht, mein lieber Professor, das ist nicht Oskar Tschernigg und sein vortrefflicher Essay über Harry Meisel, das sind allein Sie selbst.«
Was Tschernigg sagte, traf Sepp, und lange noch, nachdem der Freund gegangen war, wälzte er es in seinem Innern. Trotzig füllte er sich mit dem süßen Gift der Tscherniggschen Verse, die ihrem Dichter jetzt gleichgültig geworden waren, und fast nicht minder als der Tschernigg von heute war der Sepp von heute ihm zuwider.
Dann setzte er sich ans Klavier und versuchte von neuem, den Unmut über seine beiden letzten Jahre, diese schlecht bedachten, verlorenen Jahre, einströmen zu lassen in die Walther-Verse: »O weh, wie sind verschwunden alle meine Jahr.« Aber nichts in ihm klang, alles blieb tot. Was er machte, war ebenso Gestümper wie das Klavierspiel nebenan. Er war ausgeschrieben, es war aus mit ihm.
Am Abend dieses Tages, zum erstenmal wieder seit Annas Tod, traf er sich mit Erna Redlich. Er sehnte sich danach, sich mit ihr auszusprechen, wie er es früher getan hatte. Sie war immer eine gute Hörerin gewesen; überdies hatte sie sich – er wußte das von Peter Dülken – tapferer- und unkorrekterweise, seinethalb natürlich, der Abonnentenlisten der »P. N.« bemächtigt und hatte deshalb sicherlich Scherereien mit den Behörden. Sie war die rechte Freundin, vor der er sprechen konnte, klagen, daß er fürchte, versiegt zu sein, und daß seine politische Schriftstellerei ihn seine Kunst gekostet habe. Er hoffte seine Ängste loszuwerden, indem er sie beim Namen nannte.
Allein sowie ihm Erna leibhaft gegenübersaß, verschlug es ihm die Rede. Die Vertrautheit, die sie früher verbunden hatte, wollte sich nicht einstellen. Es war, als vermöchten die Wünsche der toten Anna mehr über ihn als jemals die der lebendigen. Er begriff nicht mehr, wieso er sich früher vor diesem kleinen, törichten Mädchen ausgeschüttet hatte statt vor Anna, und es wurde ein frostiger Abend.
6
Der Wartesaal
Immer wieder in den nächsten Tagen versuchte er sich zur Arbeit zu zwingen. Aber statt der Walther-Verse hörte er die Worte Peter Dülkens, und nichts geriet. Niemals hatte er eine Zeit gehabt, in der er sich so unfruchtbar, so steril fühlte. Er war ausgeschrieben, »ein alter Krauterer«. Doch diese
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