Ferne Ufer
sah, daß mich Mutter Hildegarde voller Mitgefühl betrachtete.
»Mir ist aufgefallen«, erklärte sie bedächtig, »daß die Zeit für Mütter nicht existiert, wenn es um ihre Kinder geht. Es spielt keine Rolle, wie alt das Kind ist - die Mutter kann das Kind immer wieder so sehen, wie es war, als es auf die Welt kam, als es laufen lernte - sie kann sich das Kind in jedem Alter vergegenwärtigen, auch wenn es selbst schon erwachsen ist und Kinder hat.«
»Besonders im Schlaf«, bemerkte ich und ließ den Blick wieder auf dem kleinen, weißen Stein ruhen, »da hat man immer den Säugling vor sich.«
Mutter Hildegarde nickte zufrieden. »Ich hatte mir gedacht, daß Sie noch mehr Kinder bekommen haben. Man sieht es Ihnen an.«
»Eins hatte ich noch.« Ich blickte sie neugierig an. »Und woher wissen Sie soviel über Mütter und Kinder?«
Ihre klugen schwarzen Augen leuchteten unter den weißen Brauen hervor.
»In meinem Alter braucht man nicht mehr viel Schlaf«, meinte sie achselzuckend. »Nachts gehe ich manchmal durch die Krankensäle, und die Patienten erzählen mir so einiges.«
Sie war alt und runzelig geworden, und die breiten Schultern unter der schwarzen Tracht waren ein wenig gebeugt. Trotzdem überragte sie mich nach wie vor und wirkte - ungeachtet ihrer Ähnlichkeit mit einer Vogelscheuche - sehr imposant. Sie besaß noch den alten stechenden Blick, und obwohl sie einen Stock bei sich trug, ging sie aufrecht und sicheren Schrittes und gebrauchte ihn häufiger, um Faulenzer anzutreiben oder ihre Anweisungen zu unterstreichen, als um sich darauf zu stützen.
Ich putzte mir die Nase, und wir schlugen wieder den Rückweg zum Kloster ein. Während wir gemächlich dahinschritten, fielen mir noch andere kleine Steine auf, die hie und da zwischen den größeren standen.
»Sind das alles Kinder?« fragte ich überrascht.
»Die Kinder der Nonnen«, erklärte sie sachlich. Ich starrte sie verblüfft an, und sie zuckte die Achseln.
»Es kommt vor«, sagte sie. Nach kurzem Schweigen fuhr sie fort: »Nicht oft natürlich.« Sie umschrieb mit ihrem Stock die Grenzen des Friedhofs.
»Dieser Kirchhof ist den Schwestern vorbehalten sowie einigen Wohltätern des Hospitals - und jenen, die sie lieben.«
»Die Schwestern oder die Wohltäter?«
»Die Schwestern. Hier steckst du also, Faulpelz!«
Mutter Hildegarde blieb stehen, da sie einen Pfleger erspäht hatte, der müßig an der Kirchenwand lehnte und eine Pfeife rauchte. Während sie ihn mit der eleganten Boshaftigkeit des höfischen Französisch ihrer Jugendjahre ausschalt, sah ich mich auf dem kleinen Friedhof um.
An der gegenüberliegenden Mauer entdeckte ich eine Reihe kleiner Steintafeln. Auf jeder von ihnen stand ein und derselbe Name: »Bouton«, und unter jedem Namen war eine römische Ziffer von I bis XV eingraviert. Mutter Hildgardes geliebte Hunde. Ich warf
einen Blick auf ihren gegenwärtigen Begleiter, den sechzehnten Inhaber dieses Namens. Dieses Exemplar war kohlschwarz und hatte ein krauses Fell wie ein Persianerlamm. Er saß ganz aufrecht zu ihren Füßen und starrte den pflichtvergessenen Pfleger mißbilligend an, wie um Mutter Hildegardes Scheltworte zu bekräftigen.
Den Schwestern und jenen, die sie lieben.
Mutter Hildegarde kehrte zurück, und ihr zorniger Gesichtsausdruck wich einem strahlenden Lächeln, das ihre häßlichen Züge verschönte.
»Ich freue mich so, daß Sie hier sind, ma chère «, sagte sie. »Kommen Sie mit herein. Ich werde einige Dinge heraussuchen, die Sie auf Ihrer Reise gebrauchen können.« Sie klemmte sich den Stock unter den Arm und hakte sich bei mir unter. Ihre Hand war warm und knochig und die Haut dünn wie Papier. Ich hatte dabei das seltsame Gefühl, daß nicht ich sie stützte, sondern sie mich.
Als wir in die Eibenallee einbogen, die zum Eingang des Spitals führte, blickte ich zu ihr auf.
»Ich hoffe, Sie halten mich nicht für unhöflich, Mutter«, sagte ich zögernd, »aber ich würde Ihnen gern eine Frage stellen…«
»Dreiundachtzig«, erwiderte sie prompt. Ein breites Grinsen entblößte ihre langen, gelben Pferdezähne. »Das will jeder wissen«, erklärte sie selbstzufrieden. Sie wandte sich um, ließ den Blick noch einmal zu dem kleinen Friedhof schweifen und verwarf den Gedanken mit einem Schulterzucken.
»Die Zeit ist noch nicht reif«, meinte sie zuversichtlich. » Le Bon Dieu weiß, wieviel Arbeit noch auf mich wartet.«
41
Die Abreise
Es war ein kalter, grauer Tag - andere Tage
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