Ferne Ufer
geworden und konzentrierte mich aufs Essen. Der Vorfall, so unerheblich er war, hatte mich daran erinnert, was ich über Jamie alles nicht wußte. Dabei hatte es einmal eine Zeit gegeben, da ich behaupten konnte, ich kenne ihn so gut, wie ein Mensch einen anderen kennen kann.
Auch jetzt gab es Augenblicke, in denen wir ganz vertraut miteinander sprachen, Augenblicke der Nähe, wenn ich an seiner Schulter einschlief, wenn ich ihn im Liebesakt festhielt, Augenblicke, in denen ich das Gefühl hatte, ihn immer noch zu kennen, in denen sein Herz und seine Gedanken mir so durchsichtig erschienen wie das Bleikristall der Weingläser auf Jareds Tisch.
Aber dann gab es Augenblicke wie jetzt, in denen ich plötzlich über unvermutete Begebenheiten aus seiner Vergangenheit stolperte oder sah, wie er mit verschleiertem Blick in Erinnerungen
versank, die ich nicht teilte. Dann fühlte ich mich plötzlich unsicher und einsam und stand zögernd am Rande der Kluft zwischen uns.
Da spürte ich Jamies Fuß, der unter dem Tisch den meinen anstieß, und er sah mich mit lächelnden Augen an. Dann hob er sein Glas, wie zu einem wortlosen Toast, und als ich sein Lächeln erwiderte, fühlte ich mich bereits getröstet. Die Geste weckte mit einemmal die Erinnerung an unsere Hochzeitsnacht, als wir nebeneinander saßen und Wein tranken, Fremde waren, die Angst voreinander hatten und die nichts verband außer dem Ehevertrag - und dem Versprechen, ehrlich zu sein.
Es gibt Dinge, die du mir vielleicht nicht sagen kannst, hatte er gesagt. Ich werde dich nie bedrängen oder darauf bestehen, daß du mir etwas erzählst, was allein deine Sache ist. Aber wenn du mir etwas sagst, dann laß es die Wahrheit sein. Zwischen uns ist jetzt nichts mehr als Respekt. Und ich glaube, Respekt kann Geheimnisse vertragen, aber keine Lügen.
Ich nahm einen herzhaften Schluck aus meinem Glas und spürte, wie mir der kräftige Wein zu Kopf stieg und meine Wangen erglühen ließ. Jamie, der mich nicht aus den Augen ließ, überhörte Jareds Monolog über Schiffszwieback und Kerzen. Sein Fuß stieß fragend gegen meinen, und meiner gab ihm Antwort.
»Aye, darum kümmere ich mich morgen früh«, erwiderte er auf eine Frage Jareds. »Aber nun, Vetter, werde ich mich zurückziehen. Es war ein langer Tag.« Er stand auf und bot mir seinen Arm.
»Begleitest du mich, Claire?«
Ich stand auf, spürte den Wein in allen Gliedern und fühlte mich erhitzt und ein wenig schwindelig. Wir sahen uns in die Augen und verstanden uns vollkommen. Jetzt war mehr als nur Respekt zwischen uns, und es gab Raum für alle unsere Geheimnisse, die wir einander anvertrauen konnten, wenn die Zeit dafür reif war.
Am Morgen gingen Jamie und Mr. Willoughby mit Jared aus, um einige letzte Besorgungen zu erledigen. Auch ich hatte mir noch etwas vorgenommen - und diesen Gang machte ich lieber allein. Vor zwanzig Jahren hatte es zwei Menschen in Paris gegeben, die mir viel bedeuteten. Maître Raymond war fort - tot oder verschwunden. Die Wahrscheinlichkeit, daß die andere noch lebte,
war gering, aber ich mußte es versuchen, bevor ich Europa verließ. Mit pochendem Herzen stieg ich in Jareds Kutsche und befahl dem Kutscher, zum Hôpital des Anges zu fahren.
Das Grab lag auf dem kleinen Klosterfriedhof im Schutz der nahegelegenen Kathedrale. Obwohl der Himmel bedeckt war und von der Seine her feuchte, kalte Luft heraufzog, war der Friedhof in weiches Licht getaucht, das von den hellen Kalksteinmauern reflektiert wurde. Jetzt im Winter blühten weder Büsche noch Blumen, aber die Espen und Lärchen reckten ihre filigranen Zweige in den Himmel, und die Steine lagen in tiefgrünes, winterfestes Moos gebettet.
Es war ein kleiner Grabstein aus weißem Marmor. Eingerahmt von einem Paar Engelsflügeln, stand darauf ein einziges Wort: »Faith«.
In die Betrachtung des Steins versunken, verharrte ich, bis mir Tränen den Blick verschleierten. Ich hatte eine Blume mitgebracht, eine rosa Tulpe aus Jareds Gewächshaus. Ich kniete nieder, legte sie auf den Stein und streichelte die weiche Rundung der Blüte, als wäre sie die Wange eines Babys.
»Ich dachte, ich müßte nicht weinen«, sagte ich schließlich.
Mutter Hildegarde legte ihre Hand auf meinen Scheitel.
» Le Bon Dieu ordnet den Lauf der Dinge, wie es ihm am besten dünkt«, sagte sie leise. »Aber er sagt uns selten, warum.«
Ich holte tief Luft und trocknete meine Wangen. »Es ist schon so lange her.« Langsam erhob ich mich und
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