Ferne Ufer
wiederzusehen.« Dann fiel sein Blick auf Mr. Willoughby, und seine Züge verhärteten sich mißbilligend.
»Ähm… das ist Mr. Willoughby«, stellte ich ihn vor. »Er ist ein… Geschäftspartner meines Mannes. Mr. Willoughby, das ist Reverend Archibald Campbell.«
»In der Tat.« Reverend Campbell wirkte schon für gewöhnlich ziemlich streng, aber nun sah er aus, als hätte er Stacheldraht zum Frühstück verspeist.
»Ich dachte, Sie segeln von Edinburgh aus nach Westindien«, sagte ich, um ihn abzulenken. Tatsächlich wandte er sich mir zu und taute etwas auf.
»Danke für die freundliche Nachfrage, Madam«, sagte er. »Ich hege immer noch diese Absicht. Allerdings führten mich zunächst dringende Geschäfte nach Frankreich. Ich werde Donnerstag in einer Woche von Edinburgh aus abreisen.«
»Und wie geht es Ihrer Schwester?« erkundigte ich mich.
»Etwas besser, vielen Dank. Die Arzneitränke, die Sie verschrieben haben, sind sehr hilfreich. Sie ist viel ruhiger und schläft auch besser. Ich muß Ihnen noch einmal für Ihre freundliche Beratung danken.«
»Keine Ursache«, sagte ich. »Ich hoffe, daß ihr die Reise gut bekommt.
« Wir verabschiedeten uns mit den üblichen Höflichkeitsfloskeln, und Mr. Willoughby und ich setzten unseren Weg fort.
»Reverend heißt überaus heiliger Mann, was?« fragte Mr. Willoughby nach kurzem Schweigen.
»Stimmt.« Ich blickte ihn neugierig an. Er spitzte die Lippen, dann gab er ein amüsiertes Grunzen von sich.
»Nicht besonders heilig, dieser Reverend-Mann«, sagte er.
»Wie kommen Sie darauf?«
Er warf mir einen pfiffigen Blick zu.
»Ich sehe ihn einmal bei Madame Jeanne. Nicht laut reden da. Ganz still, der Reverend-Mann.«
»Ach, wirklich?« Ich drehte mich um, aber die hochgewachsene Gestalt des Reverend war bereits in der Menge verschwunden.
»Stinkende Huren«, erläuterte Mr. Willoughby und machte zur Veranschaulichung eine äußerst unziemliche Geste.
»Ja, ich habe verstanden«, sagte ich. »Ich vermute, das Fleisch ist gelegentlich schwach, selbst das eines Geistlichen der schottischen Freikirche.«
Nach dem Abendessen erzählte ich von meiner Begegnung mit dem Reverend, ließ aber Mr. Willoughbys Bemerkungen über die außerplanmäßigen Aktivitäten des Reverend unerwähnt.
»Ich hätte ihn fragen sollen, auf welche der Westindischen Inseln ihn seine Reise führt«, sagte ich. »Nicht, daß er besonders unterhaltsam wäre, aber vielleicht erweist es sich als nützlich, dort jemanden zu kennen.«
Jared, der sich geschäftig Kalbfleischpastetchen zu Gemüte führte, sagte: »Mach dir keine Gedanken, meine Liebe. Ich habe eine Liste mit nützlichen Bekanntschaften für euch zusammengestellt. Außerdem habe ich Briefe verfaßt, die ihr meinen Freunden dort übergeben könnt. Sie werden euch sicherlich beistehen.«
Er nahm noch ein Stück Fleisch, tunkte es in Weinsauce und musterte Jamie kauend.
Anscheinend war er nun zu einer Entscheidung gelangt, denn er schluckte, nippte an seinem Wein und meinte beiläufig: »Wir sind uns auf gleicher Ebene begegnet, Vetter.«
Ich starrte ihn verwundert an, aber Jamie erwiderte nach kurzem Schweigen: »Und wir haben uns im rechten Maß getrennt.«
Jared lächelte erfreut.
»Ah, das ist hilfreich!« sagter er. »Ich war mir nicht ganz sicher, aye? Aber ich dachte, es sei den Versuch wert. Wo wurdest du aufgenommen?«
»Im Gefängnis«, erwiderte Jamie knapp. »Es ist also die Loge von Inverness.«
Jared nickte zufrieden. »Aye, das ist in Ordnung. Auf Jamaika und Barbados gibt es Logen - ich werde dir Briefe an die dortigen Meister mitgeben. Aber die größte Loge, mit mehr als zweitausend Brüdern, befindet sich auf Trinidad. Wenn du Ian ohne Hilfe nicht findest, mußt du dich dorthin wenden. Alles, was auf den Inseln geschieht, wird in der Loge früher oder später bekannt.«
»Würde es euch etwas ausmachen, mir zu erklären, wovon ihr redet?« mischte ich mich ein.
Jamie warf mir einen Seitenblick zu und lächelte.
»Freimaurer, Sassenach.«
»Du bist Freimaurer?« platzte ich heraus. »Das hast du mir aber nicht gesagt!«
»Das soll er auch nicht«, erklärte Jared spitz. »Die Rituale der Freimaurer sind geheim und nur den Mitgliedern bekannt. Ich dürfte Jamie keine Empfehlung an die Loge in Trinidad mitgeben, wenn er nicht bereits einer von uns wäre.«
Das Gespräch nahm eine andere Wendung, da Jamie und Jared dazu übergingen, die Lebensmittelvorräte zu besprechen. Ich aber war still
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