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Gefaehrten der Finsternis

Titel: Gefaehrten der Finsternis Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Chiara Strazzulla
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ein lichtdurchflutetes, geräumiges Zimmer von ausgesuchter Eleganz. Mitten auf dem Teppich stand ein Kristalltisch, auf dem Tyke eine Vase mit weißen Blumen ins Auge fiel sowie eine halb volle Karaffe mit Likör und dazu passende Gläser. Der Regent saß auf einem kleinen Sofa neben einer großen, schönen Frau in einem hellen Kleid, deren lange silberblonde Haare zu einer komplizierten Frisur aufgesteckt waren und die eindringliche grasgrüne Augen hatte. Aus der Art, wie der Regent zärtlich ihre Hand hielt, schloss Tyke, dass sie seine Gemahlin
sein musste. Etwas abseits von ihnen saß ein großer blonder Jüngling, der nicht älter als fünfundzwanzig zu sein schien. Er hatte lange Locken und die gleichen graublauen Augen wie Taliman, trug eine elegante dunkelblaue Uniform mit hellblauen Stickereien und um die Schultern einen hellblauen Umhang. Auf seinen Knien lag ein blankes Schwert, dessen Klinge er gerade liebevoll polierte. Tyke schloss, dass dies wohl der Sohn des Regenten sein musste,Atur der Unerschrockene.
    Schließlich war da noch in einem Sessel neben dem Fenster eine junge Frau: Aturs Schwester, Irmya, Blume des Nordens. Auch sie war hochgewachsen und schlank. Tyke konnte ihr Gesicht nicht sehen, da es hinter einem silberfarbenen Schleier verborgen war, doch allein die überirdische Anmut ihrer Figur verschlug ihm die Sprache. Irmya stickte, und bezaubert verfolgte Tyke, wie ihre zarten Finger die Nadel in den Stoff versenkten und wieder hervorholten und so allmählich Seidenveilchen auf einem Laken erblühen ließen. Er brauchte eine Weile, bis ihm klar wurde, dass es wohl reichlich unhöflich war, eine Ewige so anzustarren, die höchstwahrscheinlich schon irgendeinem Edelmann versprochen war. Zumindest erinnerte er sich noch so weit an seine gute Kinderstube, dass er sich nicht unaufgefordert hinsetzte. Er richtete seinen Blick wieder auf den Regenten der Letzten Stadt und schaute ihn abwartend an.
    Taliman erwiderte den Blick, schenkte ihm dazu erneut sein herzliches Lächeln und deutete auf den freien Platz neben sich. »Setz dich, setz dich doch, junger Mann«, forderte er ihn auf, »und tu uns den Gefallen, ein Gläschen mit uns zu leeren. Ich habe die Ehre, dir meine Frau Anarien und meine Kinder Atur und Irmya vorstellen zu dürfen.«
    »Tyke von Mirnar, zu Euren Diensten«, erwiderte Tyke und verbeugte sich elegant vor Anarien. Er gab Irmya einen Handkuss und schüttelte Atur die Hand, die ihm dieser zu seiner großen Erleichterung mit einem offenen und herzlichen Lächeln hingestreckt
hatte. Aus irgendeinem Grund hatte er befürchtet, dass der Sohn des Regenten ihm nicht freundlich gesonnen sein könnte.
    Er fuhr fort, sich so galant und höflich zu benehmen wie noch nie in seinem Leben und blieb zunächst abwartend stehen, bis der Regent ihn drei weitere Male aufgefordert hatte, sich zu ihnen zu setzen. Schließlich nahm er Platz und griff dankbar nach dem angebotenen Glas mit dem goldfarbenen Likör. Irmya fuhr schweigend mit ihrer Stickerei fort, aber Atur steckte sein Schwert in die Scheide, und auch Anarien legte den Stickrahmen beiseite, mit dem sie beschäftigt war. Bald war Tyke in eine freundschaftliche Unterhaltung mit dem Regenten, seiner Gemahlin und seinem Sohn verwickelt. Tyke hatte panische Angst, irgendeinen dummen Fehler zu begehen, trotzdem beantwortete er tapfer alle Fragen, die man ihm stellte, und flocht in seine Antworten reichlich Komplimente über den Regenten, seine Familie und die Ewigen im Allgemeinen ein.
    Er hatte gerade sein drittes Gläschen zu Ende genippt und begann, sich einigermaßen wohl in seiner Haut zu fühlen, als der Regent sich plötzlich an seinen Sohn wandte und sagte: »Nun denn, der Morgen ist schon weit fortgeschritten. Und soweit ich das von hier beurteilen kann, wird es ein wunderschöner Sonnentag. Zu schön, um ihn hier bei höflicher Konversation zu vergeuden. Da uns heute wohl kein Kampf ins Haus steht - was hältst du davon, unseren jungen Mirnar hier ein wenig in der Stadt herumzuführen und vielleicht irgendwo in einem Gasthaus etwas mit ihm zu essen? Ich meine, solange es noch geht, solltet ihr jungen Leute auch mal alle Sorgen vergessen und euch ein wenig zerstreuen.«
    »Wie recht du hast,Vater.« Atur erhob sich und befestigte sein Schwert am Gürtel. »Also, geschätzter Mirnar, wollen wir gehen?«
    Tyke nickte schweigend. Auch er stand auf, und nachdem er allen gedankt und sich erneut vor Anarien verbeugt hatte, folgte er dem

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