Gefaehrten der Finsternis
sehen. Tyke lehnte sich fasziniert über das Geländer und bewunderte die Aussicht. Atur tat es ihm gleich.
»Siehst du dort im Osten den Felsvorsprung?«, fragte er und zeigte in diese Richtung. »Das ist der Schroffen. Hinter dem Schroffen liegt die Letzte Grenze zu den Unbekannten Ländern. Niemand kann dorthin gehen. Niemand weiß, was hinter der Grenze liegt, und die wenigen Unbesonnenen, die sich jemals dorthin vorgewagt haben, sind nie mehr zurückgekehrt. Die Letzte Stadt liegt von allen fünf Grenzstädten am weitesten im Osten. Wenn du nach Westen schaust, kannst du vielleicht noch eine andere erkennen, die Untere Stadt, dort in einiger Entfernung. Sie wurde mittlerweile aufgegeben. Die Zivilbevölkerung ist geflohen und die Soldaten sind zu uns gekommen.Wenn wir die Letzte Stadt verteidigen, heißt das jetzt, dass wir die Grenze verteidigen. Das haben inzwischen fast alle gemerkt. Doch es nützt nichts. Die Grenze ist längst verloren.«
»Warum?«, flüsterte Tyke. »Warum sagst du so etwas?«
»Schau doch nach Norden«, gab Atur leise zurück. »Schau hinter die Wälder. Dort siehst du Flammen,Tod und Zerstörung. Das da sind die Schwarzen Truppen. Ihre Krieger sind so zahlreich wie Sandkörner am Strand. Zu viele sind es, als dass man sie zählen könnte, zu viele, als dass man auch nur daran denken könnte, sie mit den fünftausend tapferen Männern der Freien Garde in die Knie zu zwingen. Zu viele, um hoffen zu dürfen, dass man die Letzte Stadt oder die Grenze halten könnte. Die Finsternis leitet
sie, viele sagen das jetzt und ich spüre es auch. Einst wurde sie geschlagen, doch damals waren die Ersten noch unter uns. Jetzt gibt es nur noch uns. Der Glanz der Ewigen verlischt und bald wird uns die Finsternis den Gnadenstoß versetzen.«
Tyke war verstummt. Er hätte Atur gerne etwas Tröstendes gesagt, doch er wusste nicht, was. Der Ewige hatte leider die Wahrheit gesprochen. Auch Tyke war sich bewusst, dass die Finsternis sie alle bedrohte, er hatte sie gesehen oder zumindest gespürt. Ein Opfer von fünftausend mutigen Männern würde nicht ausreichen, um das Böse aufzuhalten.Vielleicht konnten nicht einmal alle Ewigen der Welt zusammen die Finsternis aufhalten. Wenn ihnen nicht noch jemand zu Hilfe kam, konnten die Ewigen kaum hoffen, den Sieg davonzutragen. Aber wer konnte ihnen jetzt noch zur Seite stehen? Wie konnte Tyke von Hoffnung sprechen, wo er die Macht des feindlichen Heeres vielleicht besser kannte als jeder andere?
Er schaute wieder zu Atur hinüber und sah, dass der junge Ewige die Lippen zusammenpresste. In seinen Augen leuchtete ein Feuer. »Wir alle - alle fünftausend Mann - haben geschworen«, sagte Atur, »dass wir für die Verteidigung der Letzten Stadt unser Leben opfern werden, wenn wir damit die, die wir lieben, wenigstens für den Augenblick retten können. Manche Dinge möchte ich lieber nicht erleben, und eines davon ist, wie die Welt, die ich kenne, zerstört und mein Volk in die Sklaverei gezwungen wird. Bevor ich so etwas mit ansehen muss, sterbe ich lieber.« Seufzend lehnte er sich über das Geländer. »Ich weiß natürlich nicht, wie es dir geht, aber ich sterbe lieber, als meine Ehre zu verlieren.«
Tyke kam instinktiv näher und legte ihm einen Arm um die Schulter. »Mein Bruder Deramion hat mir gesagt, dass nichts jemals verloren ist, solange auch nur noch ein Mann am Leben ist, der hofft und kämpft. Gib nicht auf, bevor wir geschlagen sind. Gib nicht auf, solange dir noch Gefährten zur Seite stehen, die mit dir für die Freiheit kämpfen.«
»Fünftausend!«, hauchte Atur verzweifelt. »Nur fünftausend Mann gegen das riesige Schwarze Heer! Was können wir schon ausrichten?«
»Hoffen, und zeigen, was in euch steckt, zum Beispiel«, sagte Tyke. »Und ich wünsche mir, dass auch ich eine Chance dazu bekomme. Es ist schwer für einen Sterblichen, mag er auch von nobler Herkunft sein, nur mit dem Geringsten der Ewigen mitzuhalten, so vollkommen seid ihr.Aber wenn du möchtest, werde ich es dennoch wagen. Irgendwann kommt für jeden der Zeitpunkt, an dem er eine Entscheidung treffen muss, und ich glaube, dass ich meine gerade getroffen habe. Wenn ihr mir also gestattet, der Freien Garde beizutreten und eure Uniform anzulegen - auch wenn ich dessen nicht würdig bin -, kann vielleicht auch ich ein wenig Ehre erringen, bevor alles vorbei ist.«
Atur wagte ein schüchternes Lächeln. »Ich danke dir für diese Worte. Aber die Ewigen sind beileibe nicht
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