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Gefaehrten der Finsternis

Titel: Gefaehrten der Finsternis Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Chiara Strazzulla
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der sie retten könnte. Doch allein konnte er es niemals schaffen, denn er stand einem göttergleichen Feind gegenüber, einem furchtbaren Kriegsgott. Der war mindestens sechs Meter groß und die Finsternis umhüllte ihn wie ein Mantel und seine langen Haare waren Ausläufer der gleichen Finsternis. Seine eiskalten Augen sandten Blitze aus, und als sein Blick sich auf Lyannen richtete, konnte der ihm nicht standhalten. Und als der Gott lachte, klang es wie der Widerhall von tausend Kriegshörnern, und bei diesem Lachen spürte Lyannen, wie ihm das Blut in den Adern gefror. Nein, einen solchen Gegner konnte er unmöglich allein überwinden. Das war also das Ende.
    Er sah sich schon besiegt, als ein heller Lichtstrahl die Finsternis zerriss und der furchtbare Feind, der sie alle bedrohte, zurückwich und sich mit einer Hand die Augen bedeckte. Das Licht verstärkte sich noch, sodass auch Lyannen davon geblendet wurde. Dann kam ein weiterer Schatten auf ihn zu, und Lyannen sah, dass das Licht aus dessen Hand entsprang, die er gleichsam als Kampfansage gegen das Ungeheuer hoch erhoben hatte. Die Gestalt war ganz in Weiß gekleidet und ihre Haare waren von einem hellen Weißblond. Sie bewegte sich entschieden und anmutig zugleich und bei ihrem Anblick hatte sich das schreckliche Wesen der Finsternis zur Flucht gewandt. Danach war der leuchtende Held zurückgekehrt, war vor Lyannen stehen geblieben, der zu Boden gesunken war, hatte eine Hand ausgestreckt und ihn hochgezogen. Die Hand trug einen Ring mit dem königlichen Wappen. Lyannen hatte zu seinem unbekannten Retter aufgesehen. Und er hatte ihn wiedererkannt.
    Es war Slyman.
    Slyman?
    Wie konnte das sein?
    Es war sinnlos, über die Bedeutung des Traums nachzudenken, sagte sich Lyannen nun. Natürlich konnte er etwas verhei-ßen,
aber genauso gut konnte ihm sein erschöpftes Hirn einen Streich gespielt haben. Und falls der Traum wirklich eine Bedeutung hatte, kam er vielleicht zu spät dahinter. Jedenfalls nahm er sich vor, Slyman ein wenig mehr zu vertrauen. Vielleicht sollte ihm der Traum auch zeigen, dass der ihm in der Not treu zur Seite stehen würde.
    Doch das war nicht der richtige Zeitpunkt, um über Träume nachzugrübeln! Lyannen ermahnte sich, seine Gedanken auf die Gegenwart zu richten und zu überlegen, wie er aus seiner misslichen Lage herauskommen konnte. Irdris hatte schon viel für ihn getan, aber sie konnte nicht alles lösen. Ihr Plan war ausgezeichnet, das hatte auch Ventel gesagt. Aber er musste auch mithelfen.
    Unter seinem Gürtel zog er einige zerknitterte Blätter Papier hervor. Das waren die Aufzeichnungen, die Ventel und Irdris ihm in diesen vier Tagen geschickt hatten. Irdris’ Schwester Ayanna hatte sie ihm überbracht, ein schönes, hochgewachsenes Mädchen mit kastanienbraunen Locken, das ein wenig sorglos wirkte und ihn immer »Herr Halbewiger« nannte. Halbewiger statt Halbsterblicher, das war eine andere Sichtweise. Lyannen gefiel sie, er fühlte sich dadurch nicht so unpassend, sondern eher wie etwas Besonderes.Was seine Notizen betraf, so hatte er sie in seiner Hose versteckt, weil das der einzig sichere Platz war, wenn eine Amazone ihn durchsuchen würde. Das hoffte er zumindest. Denn diese Amazonen schienen über gar kein Schamgefühl zu verfügen. Niemand hatte ihn je so in Verlegenheit gebracht.
    Das zerknitterte Papier raschelte laut, als er seine Notizen auffaltete. Mit einem gewissen Stolz las er noch einmal die Passage, in der Ventel ihn dafür lobte, dass er Irdris überzeugt hatte, ihnen zu helfen. Eigentlich hatte er nicht viel getan und niemanden überzeugen müssen. Irdris hatte das schon selbst für sich entschieden. Doch Komplimente, verdient oder nicht, waren natürlich immer erfreulich.
    Die Tür zu seinem Zimmer öffnete sich quietschend und
Lyannen stopfte sich hastig die Blätter in die Hose. Kurz darauf betrat Ayanna den Raum und brachte ihm ein Tablett mit einigen Speisen: Reis, Gemüse und Fleisch.
    »Aha, in der Hose also«, bemerkte Ayanna augenzwinkernd. »Ein ausgezeichnetes Versteck. Hab sie immer am Körper, wenn du meinen Rat hören willst.«
    »Oh, gib her, und Schluss!«, rief Lyannen.
    »Das Mittagessen?«, fragte Ayanna und hob eine Braue.
    »Nein, das Papier mit der Botschaft.«
    »Aber auch das Essen.« Ayanna stellte das Tablett auf den Boden. »Du wirst nirgendwohin entfliehen, wenn du vor Hunger umfällst.«
    »Na gut, na gut!« Lyannen machte sich gierig über den Reis her, denn er war

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