Gefaehrten der Finsternis
bisschen von allem enthielten: Essen,Wasser, Kleider zum Wechseln. Anscheinend hatte sie gute Arbeit geleistet. Schweigend verteilte sie das Gepäck unter ihnen. Lyannen hängte sich seines über die Schulter und war dem Mädchen plötzlich sehr dankbar.
»He, Irdris, danke«, sagte er leise.
»Ich danke dir«, erwiderte sie mit einem warmherzigen Lächeln.
»Statt euch mit Höflichkeiten aufzuhalten, könntet ihr mir vielleicht mal mit dem Zeug helfen, meine Herren Ewige und andere?«, rief in diesem Moment Ayanna.
Alle kamen zu ihr. Die junge Amazone hatte die Waffen der Rebellen gefunden, die man beiseitegelegt hatte, und alle nahmen jetzt hastig das Ihre an sich. Rabba Nix ließ sein kleines Schwert in die Ösen in seinem Röckchen gleiten, Slymans Hand strich liebevoll über das Schwert des Einsamen, und Validen war erleichtert, dass alle Edelsteine am Schwert des Sire noch an ihrem Platz waren.
»Habt ihr alle eure Waffen? Können wir gehen?«, drängte Irdris. »Los, dann kommt.«
Sie folgten ihr aus dem Raum und dann wieder einen der zahllosen Flure entlang, der an einer mächtigen, mit einem gro-ßen Vorhängeschloss versperrten Eisentür endete. Nichts schien die niederreißen zu können. Doch Irdris ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Sie wusste, was sie tat.
»Ayanna«, rief sie.
Ihre Schwester kam zu ihr und zog einen großen Bund Schlüssel hervor. Dann steckte sie einen davon ins Schloss und drehte ihn um, bis man ein Knacken hörte. Als Ayanna gegen die Tür drückte, öffnete sich die.
Draußen vertrieb der Wind die letzten Wolkenfetzen vom Nachthimmel, bis die Sterne hell erglänzten. Sie waren auf einer Art Terrasse, die von einem Geländer begrenzt wurde. Nach den Tagen des Eingesperrtseins wäre Lyannen am liebsten gleich hinausgelaufen und hätte seine Erleichterung, wieder in Freiheit zu sein, laut in die Welt hinausgeschrien, aber er hielt sich zurück. Schweigend schlüpften sie auf die kleine Terrasse hinaus und Ayanna schloss die Tür hinter ihnen. Sie waren allein.
»Das ist ein Wachturm«, erklärte Irdris leise.Ayanna ist hier für die ganze Nacht als Wachdienst eingeteilt. Eigentlich kann hier niemand heraufkommen. Eigentlich.«
»Und das heißt?«, fragte Dalman.
»Das heißt, seid leise und macht schnell«, sagte Irdris spitz. »Lyannen, wenn ich mich nicht irre, müsste in deinem Reisesack eine Rolle Seil sein. Hol sie raus.«
Lyannen hatte die Rolle schnell gefunden. Das Seil sah seltsam aus, wirkte allerdings äußerst widerstandsfähig. Er reichte es Irdris und sie machte ein Ende am Geländer fest. Dann warf sie es nach unten. Die Schnur entrollte sich und schimmerte weiß durch die Dunkelheit. Da musste es mindestens vierzig Meter weit hinuntergehen.
»Unten ist eine Senke«, erklärte Irdris. »Eine Art Welle im Boden. Wenn wir da angekommen sind, haben wir Deckung. Wir können uns zwischen den Büschen verstecken und wenn wir den richtigen Pfad wählen, wird uns niemand aufspüren. Damit entgehen wir zwar der Verfolgung, aber wir müssen ein paar Umwege nehmen.Wir werden dann erst morgen Mittag die Weißen Sümpfe erreichen.«
»Und wie lange dauert es, sie zu durchqueren?«, fragte Elfhall.
»Das kommt darauf an, an welcher Stelle wir das tun«, antwortete Ventel. »Wir könnten nur einen Tag brauchen, aber auch drei oder vier.«
»Aber im Augenblick seid ihr noch hier und werdet nirgendwohin kommen, wenn ihr euch nicht beeilt«, sagte Ayanna. »Nur noch eins, Herr Ventel! Versprecht Ihr mir, auf meine ungeschickte Schwester aufzupassen?«
»Ich bin nicht ungeschickt!«, protestierte Irdris empört. »Und ich brauche auch keinen Aufpasser, danke!«
»Aber sicher doch«, meinte Ayanna lächelnd. »Aber jetzt gehst du als Erste, ja? Ich leuchte dir.«
»Na gut«, knurrte Irdris. »Wir sehen uns doch wieder, oder? Und zwar bald?«
»Aber natürlich.« Ayanna lächelte erneut.
»Pass du auf dich auf, genau wie ich.«
»Wird Ayanna denn keine Schwierigkeiten bekommen, wenn wir von hier flüchten?«, fragte Slyman plötzlich.
»Das glaube ich wirklich nicht!«, rief Ayanna aus. »Ich werde mit schweren Verletzungen auf der Krankenstation liegen, die ich mir bei dem Versuch zugezogen habe, euch aufzuhalten.«
»Schwere Verletzungen?«, wiederholte Slyman besorgt. »Ayanna!«
»Ich werde mich natürlich selbst verletzen«, erklärte Ayanna. »Keine Sorge, mir wird gar nichts passieren.«
»Pass auf dich auf« sagte Slyman sanft.
»Du aber auch.«
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