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Gesammelte Werke

Gesammelte Werke

Titel: Gesammelte Werke Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Edgar Allan Poe
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ausdrucksvolles Wehgeheul, dass es auf meine Nerven wie eine Totenglocke wirkte; und als das Ungeheuer am Fuß des Hügels verschwand, sank ich zugleich ohnmächtig zu Boden.
    Als ich mich erholte, war natürlich mein erster Gedanke, meinem Freund von dem, was ich gesehen und gehört hatte, Mitteilung zu machen – und ich habe kaum eine Erklärung dafür, welche widerstrebende Empfindung mich davon zurückhielt.
    Eines Abends endlich, drei oder vier Tage nach dem Ereignis, saßen wir zusammen in dem Zimmer, von dem aus ich die Erscheinung gesehen hatte – ich in demselben Stuhl an demselben Fenster und er faulenzend auf einem Sofa nahe dabei.
    Da es die gleiche Zeit wie damals und der gleiche Ort war, fühlte ich mich veranlasst, ihm von dem Wunder zu berichten. Er hörte mich bis zu Ende an – lachte zuerst herzlich und verfiel dann in einen übertriebenen Ernst, als stände meine Verrücktheit außer Zweifel. In diesem Augenblick sah ich das Ungetüm wieder ganz deutlich, und mit einem Aufschrei wirklichen Entsetzens lenkte ich seine Aufmerksamkeit darauf. Er blickte eifrig hin, behauptete aber, nichts zu sehen, obwohl ich den Weg, den die Kreatur am kahlen Berghang herunter nahm, eingehend beschrieb.
    Jetzt war ich maßlos bestürzt, denn nun erachtete ich die Vision entweder als ein Vorzeichen meines baldigen Todes oder, schlimmer noch, als den Vorläufer eines Anfalls von Wahnsinn. Ich warf mich in höchster Erregung in den Stuhl zurück und begrub mein Gesicht in den Händen. Als ich die Augen wieder freigab, war die Erscheinung nicht mehr zu sehen.
    Mein Gastgeber jedoch hatte seine Ruhe einigermaßen wiedergewonnen und befragte mich sehr eingehend über die Gestalt des Phantoms. Als er hierüber von mir vollkommen unterrichtet war, seufzte er tief auf, als sei eine unerträgliche Last von ihm abgefallen, und redete mit einer Ruhe, die mir grausam schien, über verschiedene Punkte der spekulativen Philosophie, die bisher ein Thema unserer Unterredungen gewesen waren. Ich entsinne mich, dass er unter anderem sehr eingehend bei dem Gedanken verweilte, der Grundirrtum aller menschlichen Forschung sei der Hang des Untersuchenden, die Bedeutung eines Gegenstandes lediglich durch falsche Berechnung seiner Entfernung zu übertreiben oder zu unterschätzen.
    »Um beispielsweise«, sagte er, »den Einfluss einer weitgehenden Verbreitung der Demokratie auf die Menschheit im Allgemeinen festzusstellen, sollte bei der Berechnung der Faktor mit einbezogen werden, wie weit entfernt der Zeitpunkt ist, an dem eine solche Durchdringung vollzogen sein könnte. Kannst du mir nun aber einen einzigen Schriftsteller der Staatskunst nennen, dem es je eingefallen wäre, diese besondere Seite des Gegenstandes überhaupt einer Behandlung zu würdigen?«
    Hier hielt er inne, schritt zu einem Bücherschrank und entnahm ihm einen naturgeschichtlichen Leitfaden. Dann bat er mich, den Platz mit ihm zu wechseln, damit er den kleinen Druck des Buches besser erkenne, nahm meinen Armstuhl am Fenster ein, öffnete das Buch und führte seinen Vortrag in ähnlichem Ton wie vorher zu Ende.
    »Nur infolge der außerordentlichen Genauigkeit«, sagte er dann, »mit der du das Monstrum beschrieben hast, bin ich in der Lage, dir darzutun, was es gewesen ist. Zunächst lass mich dir eine für den Schulunterricht bestimmte Beschreibung der Gattung Sphinx vorlesen, aus der Familie der Crepuscularia und der Ordnung der Lepidoptera, zur Klasse der Insecta oder Insekten gehörig. Der Abschnitt lautet:
    ›Vier hautartige Schwingen, besetzt mit kleinen farbigen, metallisch schimmernden Schuppen; das Maul bildet einen aufgerollten Rüssel, der eine Verlängerung des Kiefers darstellt; zu beiden Seiten befinden sich Rudimente des Kiefers und flaumiger Fühlhörner; das untere Flügelpaar wird mit dem oberen durch ein straffes Haar verbunden; die eigentlichen Fühlhörner haben die Gestalt einer langen prismatischen Keule; Hinterleib spitz zulaufend. Die Totenkopf-Sphinx hat zuzeiten die Bevölkerung durch den schwermütigen Ton entsetzt, den sie ausstößt, wie auch durch das Symbol des Todes, das sie auf ihrem Bruststück trägt.‹ «
    Hier schloss mein Freund das Buch und beugte sich vor, genau in der Haltung, die ich innehatte, als ich das »Ungeheuer« erblickte. »Ah, da ist es!«, rief er jetzt aus. »Es steigt den Berghang hinauf, und ich gestehe, dass es ein sehr bemerkenswertes Wesen ist. Immerhin ist es keineswegs so groß oder so entfernt, wie du

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