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Geschichte der Welt 1870-1945: Weltmärkte und Weltkriege (German Edition)

Geschichte der Welt 1870-1945: Weltmärkte und Weltkriege (German Edition)

Titel: Geschichte der Welt 1870-1945: Weltmärkte und Weltkriege (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Jürgen Osterhammel , Emily S. Rosenberg , Akira Iriye
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Imperium) vom Bürgerkrieg zwischen 1917 und 1921 über den Tod von Lenins Nachfolger Josef Stalin im März 1953 und dann mit einer sanfteren Mischung aus Überwachung und Bestrafung bis Ende der 1980er Jahre im Griff hatte.
    Die französischen Jakobiner hatten unter Robespierre ein Konzept des revolutionären Terrors und der rücksichtslosen Eliminierung der Feinde entworfen, doch sie hatten quasi aus dem Stegreif eine Diktatur errichtet und eine Theorie republikanischer Tugend entwickelt, um die harten Maßnahmen, die sie ergriffen, zu begründen. Auf der Grundlage von Marx’ historischer Dramaturgie des Klassenkampfs verwandelte Lenin die spontanen Rationalisierungen der Jakobiner aus den Jahren 1792 bis 1794 in eine Doktrin der langfristigen Revolution, und zwar lange bevor er überhaupt über Macht verfügte. Noch irritierender als Lenins eigene autoritäre Forderungen war die Zustimmung, die seine Theorie der Parteidiktatur bei vielen westlichen Intellektuellen fand. Nach der Revolution behaupteten die Sympathisanten, die Sowjetunion nach 1917 sei isoliert und belagert und der einzige Ort, an dem die sozialistische Revolution praktisch verwirklicht sei. Jede Infragestellung ihrer Politik müsse hinter ihrem Überleben zurückstehen.

    Das Versprechen des Proletariats: Ein Plakat aus dem Jahr 1920, das den russischen Staatsführer Lenin zeigt, wie er sich vor einem industriellen Hintergrund an die Arbeiter wendet, und zwar in einem Augenblick, da die Bolschewiki noch immer die Hoffnung hatten, ihre Revolution könnte sich gen Westen ausbreiten. Der Text am unteren Rand – «Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst des Kommunismus» – greift die berühmten Anfangszeilen des Kommunistischen Manifests (1848) von Karl Marx und Friedrich Engels auf.
    Die Geschichte der politischen Debatten und Erfahrungen im 20. Jahrhundert lässt sich nicht verstehen, wenn man sich nicht mit dem Problem des kommunistischen Gehorsams befasst. Lechzten die kommunistischen Intellektuellen und die nicht der Partei angehörenden Sympathisanten (oder «Mitläufer») nach Selbstkasteiung, wie später der im Exil lebende Pole Czesław Miłosz mit seiner Fabel von den Wunderpillen behauptete, die sie angeblich fröhlich dem Charme totalitärer Macht erliegen ließen?[ 156 ] War es die gnadenlose Logik, die, wie sie glaubten, die ehernen Gesetze der Geschichte vorgaben? Gute Kommunisten waren stolz darauf, einer disziplinierten Vereinigung anzugehören, die Gehorsam verlangte, auch wenn sie ihren Mitgliedern versicherte, sie allein verstünden die unausweichlichen historischen Prozesse und würden diese vorantreiben.
    In seiner 1923 erschienenen Essaysammlung Geschichte und Klassenbewusstsein entwarf der kommunistische Philosoph Georg Lukács – der sich nach der jahrzehntelangen stalinistischen Unterdrückung tatsächlich darum bemühen sollte, die Diktatur in Ungarn 1956 in gemäßigte Bahnen zu lenken – die dialektische Logik einer Parteidiktatur, die in Russland bereits Wirklichkeit wurde, als die Bolschewiki andere Parteien verboten, ihre Geheimpolizei Tscheka gründeten und den Kronstädter Matrosenaufstand gewaltsam niederschlugen. «Damit ist es klar geworden, dass die Formen der Freiheit in den bürgerlichen Organisationen nichts mehr sind, als ein ‹falsches Bewusstsein› von der tatsächlichen Unfreiheit […]. Erst mit dieser Einsicht hebt sich die scheinbare Paradoxie unserer früheren Behauptung auf: dass […] das bedingungslose Aufgehen der Gesamtpersönlichkeit in der Praxis der Bewegung, der einzig mögliche Weg zur Verwirklichung der echten Freiheit ist.» Die Praxis bedeutete Disziplin und Gehorsam, freilich gegenüber einer Politik, die langfristig gesehen objektiv richtig sein musste (auch wenn es im Alltag zu Fehlern und Irrtümern kommen konnte). «Die Frage der Disziplin ist also einerseits eine elementar praktische Frage für die Partei, eine unerlässliche Vorbedingung ihres wirklichen Funktionierens […]. Die organisatorische Selbständigkeit der kommunistischen Partei ist notwendig, damit das Proletariat sein eigenes Klassenbewusstsein, als geschichtliche Gestalt, unmittelbar erblicken könne […]. Gerade der eminent praktische Charakter der kommunistischen Organisation, ihr Wesen als Kampfpartei setzt einerseits die richtige Theorie voraus, da sie sonst sehr bald an den Folgen der falschen Theorie scheitern müsste […].»[ 157 ]
    Mit solchen Argumenten und solchem Engagement ließ sich vieles

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