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Hätschelkind: Der erste Fall für Jan Swensen

Hätschelkind: Der erste Fall für Jan Swensen

Titel: Hätschelkind: Der erste Fall für Jan Swensen Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Wimmer Wilkenloh
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von vorn auf. Wenn ich die Bilder so’n bisschen von der Seite schieße, geht das schon. Denk’ an Barschel!«
    »Meinst du nicht, dass es Ärger mit der Polizei gibt?«
    »Ist mir egal!«
    »Okay, mach’ was du nicht lassen kannst. Aber ich bin da raus, das geht allein auf deine Kappe.«
    »So wirst du nie ’ne wirkliche Reporterin. Dann bleibst du eben bis in die Puppen bei diesem Käseblatt!«
    »Hauptsache ich kann mich morgens noch im Spiegel angucken!«, sagt sie trotzig, zieht ihr Handy aus der Tasche und tippt 110 ein.
     
    * * *
     
    Ein dumpfer Schlag gegen die Haustür lässt ihn herumfahren. Er tritt leise heran und späht durch den Spion. Doch der Flur da draußen ist verwaist, niemand ist zu sehen. Swensen drückt ohne ein Geräusch zu verursachen die Klinke herunter. Er öffnet die Tür einen Spalt und blickt hinaus. An der Außenseite klebt ein auseinander gespritzter Fleck. Am Boden liegen zerbrochene Eierschalen. Swensen stiert auf die glitschige Masse an der Tür. Er hat keine Idee. Sein Kopf ist leer. Die Gedanken scheinen genauso zerborsten zu sein, wie der gelbe Schleim, der zäh am Holz hinabläuft. Er schließt die Tür wieder um in die Küche zu gehen und einen Lappen zu holen. Doch er hat gerade drei Schritte getan, da trifft ein zweiter Schlag die Tür. Mit einem Satz springt er hin und reißt sie auf. In der Haustür gegenüber steht seine Nachbarin, eine zierliche alte Dame mit schneeweißen Haaren. In der Hand hält sie eine Eierschachtel, in der zwei Eier fehlen. Swensen spürt eine unbändige Wut in sich aufsteigen.
    »Sind Sie völlig verrückt?«, brüllt er los.
    »Ja, bin ich!«, sagt die Dame. »In dieser Welt sind doch alle verrückt. Ich bin verrückt. Du bist verrückt!«
    »Woher wissen Sie denn, dass ich verrückt bin?«, fragt Swensen erstaunt über die rätselhafte Antwort.
    »Musst du ja sein«, sagt die Dame und grinst über das ganze Gesicht, »sonst wärst du doch gar nicht hier.«
    Die Umrisse der Dame lösen sich ganz allmählich auf, bis nur noch ihre grinsenden Zähne in der Luft schweben. Ein aberwitziger Anblick. Swensen lacht schallend auf und geht in seine Wohnung zurück. Er verspürt den Drang sich umzudrehen. Nein, denkt er, du darfst dich auf keinen Fall umdrehen!
    Doch Swensen gelingt es nicht, sich gegen sein Verlangen zu wehren. Willenlos dreht eine höhere Macht seinen Kopf. Die schwebenden Zähne sind ihm in die Wohnung gefolgt. Er erkennt an der Goldkrone des oberen, linken Schneidezahns, dass er das Gebiss seiner Mutter vor sich hat. Er erstarrt augenblicklich zu einem Eisblock.
     
    Swensen erwacht frierend, liegt nackt auf dem durchgewühlten Laken. Die Federdecke ist verschwunden. Er streckt seinen rechten Arm über die Bettkante, tastet mit der Hand im Dunkeln über den Fußboden bis er die Decke fühlt und zieht sie zu sich hinauf. Der Stoff legt sich kalt über seine Haut. Trotzdem schmiegt er sich an ihn. Nur langsam wird ihm wieder warm.
    Doch er kann nicht wieder einschlafen, der Traum geistert in seinen Gedanken herum.
    Swensen im Mutterland, das würde Anna jetzt bestimmt zu mir sagen, denkt er und sieht sein Elternhaus vor sich. Sein Hals wird trocken. Er muss husten, ein kurzes kläffendes Geräusch. Plötzlich fühlt er eine Trauer, die tief unten in seiner Brust festsitzt. Wie von selbst purzeln Bilder aus der letzten Zeit mit seiner Mutter in sein Bewusstsein.
    Das erste Mal, dass er etwas Ungewöhnliches an ihr bemerkte, war knapp ein Jahr nach dem Tod seines Vaters. Bei einem Besuch erzählte sie ihm, jemand hätte den Schuppen im Garten aufgebrochen. Als er die Schuppentür untersuchte, konnte er keine Spuren eines Einbruchs entdecken. Dennoch blieb seine Mutter auch in den nächsten Wochen vehement dabei, dass jemand den Schuppen heimsuche und Werkzeug, Eingemachtes und Gartenstühle entwende. Dann fehlten Tassen und Lebensmittel im Haus, Personen schlichen nachts durch den Garten oder gingen durchs Haus, wenn sie gerade beim Einkaufen war. Aus der korpulenten Frau wurde ein hageres Mütterchen. Bald war sie nicht mehr in der Lage für sich selbst zu sorgen. Swensen plagte sich mit seinem schlechten Gewissen, organisierte einen Pflegedienst und brachte seine Mutter zu einem Neurologen. Sie bekam Tropfen. Für kurze Zeit besserte sich ihr Zustand. Sein schlechtes Gewissen blieb. Ein gutes halbes Jahr später riefen ihn die Kollegen von der Streife zum ersten Mal während seiner Dienstzeit an. Sie hätten seine Mutter am Hafen

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