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Hätschelkind: Der erste Fall für Jan Swensen

Hätschelkind: Der erste Fall für Jan Swensen

Titel: Hätschelkind: Der erste Fall für Jan Swensen Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Wimmer Wilkenloh
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verwirrt herumirrend angetroffen. Als er sie nach Hause brachte, versuchte sie mit einem Markstück die Tür zu öffnen. Da war ihm klar, er musste ihr einen Heimplatz besorgen. Es dauerte weitere drei Monate, die er in seiner Freizeit auf Ämtern und in Altenheimen zubrachte, bis er ihr einen Platz ergattern konnte. Diesen Platz sollte Liesbett Swensen jedoch nicht mehr nutzen. Am Samstag, dem zwölften Mai 1997, zwei Tage vor dem großen Umzug, lag sie bei seinem Besuch vormittags tot im Bett. Herzversagen, bescheinigte der Hausarzt. Swensen ging es hundeelend. Gleichzeitig war er erleichtert, gepaart mit dem altbewährten schlechten Gewissen. Mit seinen Eltern war auch das kleine Kind in ihm gestorben, Jan Swensen war endgültig erwachsen und musste seinen Halt in sich finden.
    Mit Erschrecken stellte er in der Zeit danach fest, wie ihn seine Erinnerung schleichend im Stich ließ. Plötzlich wusste er nicht mehr wie das Gesicht seiner Mutter aussah, dann war ihre Gestalt wie ausgelöscht. Er kramte in alten Kästen nach Fotos um festzustellen, dass ihm jetzt ihr Geruch fehlte. Die Vorstellung von seiner Mutter löste sich auf.
    Wie die Nachbarin in meinem Traum, denkt er. Vielleicht ist die Botschaft des Traums ganz banal?
    Er sieht wieder das Grinsen vor sich und das zerplatzte Ei an seiner Tür.
    Das Leben zerschellt am Tod und die Erinnerung zerschellt am Leben.
    Swensen versucht erneut das Gesicht seiner Mutter zu visualisieren. Vergeblich. Vor kurzem hatte er in einem Artikel über Forschungsergebnisse im Zusammenhang mit dem Gedächtnis gelesen, dass der Mensch sich besonders gut an Gesichter erinnern kann.
    Dabei spricht meine eigene Erfahrung mit Zeugen eine andere Sprache, denkt er.
    Wie oft hatte er bei Zeugenaussagen von fünf Personen auch fünf verschiedene Beschreibungen vom Täter erhalten.
    Swensen knipst die Nachttischlampe an, sucht in der Schublade nach Zettel und Schreiber um seinen Satz vom Tod und Leben aufzuschreiben. Da läutet im Wohnzimmer sein Handy. Er schaut auf seinen Wecker, es ist 3:11 Uhr, und tappt hinüber. Mielke ist dran.
    »Tut mir leid, dass ich dich geweckt habe«, sagt Mielke und macht eine Pause.
    »Ich war sowieso gerade wach!«
    »Du wirst es nicht glauben, aber wir haben schon wieder einen Mord!«
    Swensen stöhnt auf.
    Das Leben zerschellt am Tod, fällt ihm sofort sein Gedanke wieder ein, doch er behält ihn für sich.
    »Püchel meinte, dass ich dich informieren soll!«
    Mielkes Stimme wirkt bekannt unsicher.
    »Ist schon richtig, Stephan! Wo muss ich hin?«
    »Parkstraße, gleich hinter dem Wasserturm!«
    »Und wer ist ermordet worden?«
    »Ein gewisser Rüdiger Poth, ein Journalist von der ›Husumer Rundschau‹.«
    »Ich bin schon da!«
    Swensen legt auf und geht benommen ins Bad. Der Anruf erscheint ihm völlig irreal.
    Mittlerweile sterben die hier ja wie die Fliegen, denkt er und überlegt, ob es eine solche Serie von Morden in Husum schon mal gegeben hat. Er kann sich nicht erinnern, hat Vergleichbares auch nie von seinen Kollegen gehört.
    Zwanzig Minuten später verlässt er das Haus. Auf seinem Wagen liegt eine zwanzig Zentimeter hohe Schneedecke. Er macht an der Haustür kehrt, geht zurück in seine Wohnung und kommt mit einem Handbesen wieder heraus. Nachdem er den Schnee notdürftig abgefegt hat, sind seine Finger klamm. Er versucht sie mit dem Hauch seines Atems zu wärmen, aber es bringt nicht viel. Beim Anfahren drehen die Räder des VW-Polos durch. Trotz mehrerer Versuche bewegt sich der Wagen nicht vom Fleck. Swensen schaut auf die Uhr und überlegt ob er Mielke anrufen soll um sich abholen zu lassen. Im selben Moment fassen die Reifen endlich. Er steuert den Wagen vorsichtig durch die Hinrich-Fehrs-Straße. Ab der Adolf-Brütt-Straße ist geräumt. Swensen fährt einen kleinen Umweg um die verschneiten Nebenstraßen zu meiden. Als er seinen VW auf dem Parkplatz am Wasserturm abstellen will, bleibt er in einer Schneewehe stecken. Also geht er den Rest zu Fuß.
    Das Haus ist schon von weitem als Tatort zu erkennen. Im Garten und an der Haustür stehen Scheinwerfer. Blitzlichter zucken. Im taghellen Licht gehen geduckte Männer in weißen Overalls und suchen den verschneiten Boden ab. Swensen steigt über die Gartenporte. In der offenen Haustür steht Heinz Püchel. Rauchschwaden schweben um seinen Kopf. Als er Swensen bemerkt, stürzt er ihm entgegen.
    »Jan, jetzt muss endlich was passieren!«
    »Ich denke, es ist gerade was passiert?«
    »Was soll

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