Hannibal
hat nicht einmal seine Krankenakte.« »Es gab diesen Riesenaufruhr.« Barney machte eine Pause und klopfte den Salzstreuer gegen seine Handfläche. »Es gab diesen Aufruhr, Sie wissen, im Krankenhaus. Ich bin entlassen worden, viele Leute sind damals rausgeflogen, und seine Sachen sind in alle Winde verstreut worden. Man weiß nicht -« »Wie bitte?« fragte Starling. »Hier drinnen ist es so laut, mir muß da wohl gerade etwas entgangen sein. Gestern nacht habe ich herausgefunden, daß das von Dr. Lecter signierte und mit Anmerkungen versehene Exemplar von Alexander Dumas’ Dictionary of Cuisine vor zwei Jahren auf einer privaten Auktion in New York aufgetaucht ist. Es ging für 16000 Dollar an einen privaten Sammler. Das vom Verkäufer beigebrachte
Echtheitszertifikat trug die Unterschrift >Cary Phlox<. Kennen Sie diesen >Cary Phlox<, Barney? Das hoffe ich zumindest für Sie, denn er hat Ihre Bewerbungsunterlagen beim Krankenhaus handschriftlich ausgefüllt, aber mit >Barney< unterschrieben. Das gleiche gilt für Ihre Steuererklärung. Es tut mir leid, aber vorhin muß mir irgend etwas entgangen sein. Wollen Sie nicht noch einmal ganz von vorn anfangen? Was haben Sie für das Buch bekommen, Barney?« »Ungefähr zehn«, antwortete er und schaute ihr direkt ins Gesicht. Starling nickte. »Auf der Quittung stehen zehneinhalb. Was haben Sie für das Interview mit dem Tattler bekommen, nachdem Dr. Lecter die Flucht gelungen war?« »Fünfzehn Riesen.« »Cool. Freut mich für Sie. Sie haben sich doch den ganzen Quatsch ausgedacht, den Sie denen erzählt haben?« »Ich wußte, daß Dr. Lecter nichts dagegen haben würde. Ganz im Gegenteil, er wäre sicherlich enttäuscht gewesen, wenn ich sie nicht hinters Licht geführt hätte.« »Er hat vor Ihrer Zeit im Baltimore State Hospital die Krankenschwester angegriffen?« »Ja.« »Ihm wurde dabei die Schulter ausgekugelt.« »Soviel ich weiß, ja.« »Wurde damals eine Röntgenaufnahme gemacht?« »Ist wohl anzunehmen.« »Ich will dieses Röntgenbild.« »Ummmmm.« »Ich habe herausgefunden, daß sich Dr. Lecters Autographen grob In zwei große Gruppen einteilen lassen, die mit Tinte, also eindeutig vor seiner Inhaftierung geschriebenen, und die mit Pastell oder Bleistift verfaßten aus seiner Haftzeit. Pastell ist eindeutig mehr wert. Aber das wissen Sie sicherlich besser als ich. Barney, ich glaube, daß Sie die Sachen von Dr. Lecter haben und darauf spekulieren, sie über die Jahre nach und nach unter die Autographensammler bringen zu können.« Barney zuckte mit den Achseln und sagte nichts. »Ich glaube, Sie warten darauf, daß er wieder im Kurs steigt. Was steht auf Ihrer Wunschliste ganz oben, Barney?« »Ich will, bevor ich sterbe, jeden Vermeer gesehen haben, den es auf der Welt gibt.« »Muß ich Sie fragen, wer Sie auf Vermeer gebracht hat?« »Wir haben über vielerlei gesprochen, damals, tief in der Nacht.« »Haben Sie auch darüber gesprochen, was er gern täte, wenn er in Freiheit wäre?« »Nein. Dr. Lecter lehnt es ab, sich in Hypothesen zu ergehen. Er glaubt nicht an Syllogismen oder an Synthesen, geschweige denn an das Absolute.« »Woran glaubt er dann?« »Chaos. Man muß nicht einmal daran glauben. Es ist selbstverständlich.« Starling ließ Barney einen Augenblick gewähren. »Man könnte meinen, Sie glaubten selbst daran«, sagte sie. »Aber Ihr Job im Baltimore State Hospital bestand doch genau aus dem Gegenteil. Sie mußten die Ordnung aufrechterhalten. Sie waren der Boß des
Aufsichtspersonals. Sie und ich sind im gleichen Gewerbe tätig. Ordnung ist unser Geschäft. Es hat schon seine Gründe, warum Dr. Lecter Ihnen nicht entschlüpft ist.« »Ich habe Ihnen das doch schon erklärt.« »Weil Sie in Ihrer Wachsamkeit nie nachließen. Obwohl Sie sich auf eine verkappte Art mit ihm verbrüdert haben.« »Ich habe mich nicht mit ihm verbrüdert«, sagte Barney. »Er ist niemandes Bruder. Wir haben Fragen von allgemeinem Interesse diskutiert. Wenigstens waren sie danach von Interesse für mich, als ich mich eingehender mit ihnen beschäftigt habe.« »Hat Dr. Lecter Sie jemals wegen Ihrer mangelnden Bildung verspottet?« »Nein. Wie steht es mit Ihnen?« »Nein«, sagte sie, um Barneys Gefühle nicht zu verletzen, als ihr mit einemmal klar wurde, daß ein Kompliment im Spott des Ungeheuers gelegen hatte. »Er hätte sich ohne weiteres über mich lustig machen können, wenn er das gewollt hätte. Wissen Sie, wo seine Sachen abgeblieben sind,
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