Herr des Chaos
einer Aes Sedai noch niemals zuvor gesehen hatte. Ein alter Bursche folgte ihnen zu Pferde und mit einem Packtier, ein sehniger Mann mit schütterem grauen Haar. Mat brauchte einen Moment, um zu erkennen, daß er ein Behüter war, da einer dieser die Farben verändernden Umhänge seinen Rücken herabhing. Das bedeutete es, ein Behüter zu sein: Aes Sedai bearbeiteten sie, bis ihnen das Haar ausfiel, und bearbeiteten dann wahrscheinlich auch noch ihre Knochen, wenn sie tot waren.
Thom und Juilin folgten dichtauf, und auch sie führten ein Packpferd mit sich. Die Frauen blieben mit ihrem betagten Behüter ungefähr fünfzig Schritte zur Linken stehen und sahen Mat und seine Männer kaum an. Der Gaukler betrachtete Nynaeve und die anderen und sprach dann mit Juilin, woraufhin sie ihre Pferde auf Mat zuführten, aber dann jäh stehenblieben, als wären sie nicht sicher, willkommen zu sein. Mat ging zu ihnen.
»Ich muß mich entschuldigen, Mat«, sagte Thom und zupfte an seinem Schnurrbart. »Elayne hatte bestimmt, daß ich nicht mehr mit dir sprechen durfte. Sie hat diesen Befehl erst heute morgen aufgehoben. Ich versprach ihr in einem schwachen Moment vor mehreren Monaten, ihren Befehlen zu folgen, und auf diesem Versprechen beharrt sie zu den ungelegensten Zeiten. Sie war nicht sehr erfreut darüber, daß ich soviel gesagt hatte.«
»Nynaeve hat mir gedroht, mir ein blaues Auge zu verpassen, wenn ich mich dir nähern würde«, sagte Juilin verdrießlich, während er sich auf seinen Bambusstock lehnte. Er trug die rote Kappe der Taraboner, die nicht viel Schutz vor der Sonne gewährte, und selbst sie wirkte verdrießlich.
Mat betrachtete die Frauen. Nynaeve spähte über den Sattel hinweg zu ihm, aber als sie bemerkte, daß er sie ansah, duckte sie sich hinter den Hals ihrer unförmigen braunen Stute. Er hätte geglaubt, daß nicht einmal Nynaeve Juilin überlegen wäre, aber der dunkle Diebefänger war nur noch ein Schatten des Mannes, den er in Tear kennengelernt hatte. Jener Juilin war zu allem bereit gewesen. Jetzt runzelte Juilin ständig die Stirn und schien niemals aufzuhören, sich zu sorgen. »Wir werden ihr auf dieser Reise Manieren beibringen, Juilin. Thom, ich bin derjenige, der sich entschuldigen muß - wegen dem, was ich über den Brief gesagt habe. Die Hitze und die Sorge um die törichten Frauen waren schuld. Ich hoffe, der Brief enthielt gute Nachrichten.« Er erinnerte sich zu spät an Thoms Worte. Er hatte die Frau, die diesen Brief geschrieben hatte, sterbend zurückgelassen.
Aber Thom zuckte nur die Achseln. Mat wußte nicht, wie er ihn ohne seinen Gauklerumhang nehmen sollte. »Gute Neuigkeiten? Das habe ich noch nicht in Erfahrung bringen können. Oft weiß man nicht, ob eine Frau eine Freundin, eine Feindin oder eine Geliebte ist, bis es zu spät ist. Manchmal ist sie alles zugleich.« Mat erwartete ein Lachen, aber Thom runzelte nur die Stirn und seufzte. »Frauen scheinen sich gern geheimnisvoll zu geben, Mat. Ich kann dir ein Beispiel nennen. Erinnerst du dich an Aludra?«
Mat dachte nach. »Die Feuerwerkerin, die wir in Aringill davor bewahrt haben, daß ihr die Kehle durchgeschnitten wurde?«
»Genau die. Juilin und ich trafen sie auf unseren Reisen, und sie kannte mich nicht... Nicht daß sie mich nicht wiedererkannt hätte. Man redet mit Fremden, mit denen man reist, um sie kennenzulernen. Aludra wollte nicht mit mir reden, und auch wenn ich nicht weiß warum, sah ich keinen Grund, Eindruck zu schinden. Ich traf sie als Fremde und verließ sie als Fremde. Würdest du sie als eine Freundin oder eine Feindin bezeichnen?«
»Vielleicht eine Geliebte«, antwortete Mat trocken. Er hätte nichts dagegen, Aludra wiederzubegegnen. Sie hatte ihm einige sehr nützliche Anregungen gegeben. »Wenn du etwas über Frauen wissen willst, dann frage Perrin, nicht mich. Ich weiß überhaupt nichts. Ich habe immer gedacht, Rand wüßte etwas darüber, aber bei Perrin bin ich mir dessen sicher.« Elayne sprach unter den wachsamen Blicken der Jägerin mit den beiden weißhaarigen Aes Sedai. Eine von ihnen schaute nachdenklich in Mats Richtung. Sie verhielten sich genau wie Elayne, kühl wie Königinnen auf ihrem verdammten Thron. »Nun, vielleicht brauche ich mich nicht lange mit ihnen aufzuhalten«, murmelte er zu sich selbst. »Mit etwas Glück wird ihr Vorhaben nicht allzu lange dauern, und wir können in fünf oder zehn Tagen zurücksein.« Mit etwas Glück wäre er vielleicht zurück, bevor die
Weitere Kostenlose Bücher