Highland-Saga 04 - Dolch und Lilie
wurde knapp, und der Schlaf begann ihn zu überwältigen.
»Und was erwartest du dir heute vom Leben?«, fragte Mathias.
»Keine Ahnung … ich glaube, ich möchte einfach meinen Frieden haben. Aber ich fürchte, das ist unmöglich. Man wird Jagd auf mich machen, genau wie auf den Hollandais.«
»Hast du Kinder? Eine Frau?«
»Nein… Aber ich wünsche mir Kinder.«
»Von Tsorihia?«
Sein Ton war ein wenig spröde. Alexander rieb sich die Stirn. Ihm drehte sich der Kopf, er musste sich hinlegen. Aber in dem engen Loch befand sich zu viel Schnee.
»Wenn sie das möchte«, murmelte er.
»Liebst du sie?«
Einen Moment lang herrschte Schweigen, während die Männer einander im Dunkel gegenüberstanden.
»Ja, Mathias. Ich liebe sie.«
Mit einem Wutschrei rammte der Hurone seine Faust in die Decke. Schnee fiel auf sie herunter, rutschte ihnen in den Kragen und schmolz zwischen ihren Schulterblättern zu einem langen, eisigen Rinnsal. Sie erschauerten. Wie spät mochte es sein? Welchen Tag hatten sie? Die Hunde wurden unruhig und sprangen kläffend gegen die glitschigen Wände ihres Gefängnisses. Was wohl aus den Hunden geworden war, die sie draußen gelassen hatten? Ob Tsorihia sich Sorgen machte, weil sie so lange ausblieben ?
»Ich weiß, dass du Tsorihia liebst, Mathias. Und… nun ja … ich weiß, dass du hättest versuchen können … sie zu verführen.«
»Ich bin Christ und achte die Gebote, die man mich gelehrt hat.«
Alexander lachte spöttisch.
»Aber ein Mann bist du trotzdem!«
»Erinnere mich nicht daran, Macdonald. Du könntest mich in Versuchung führen.«
Mathias atmete schwer, offenbar war er zornig. Wieder schlug er in den Schnee, worauf ihnen ein großes Stück auf die Schultern fiel. Alexander kam der Gedanke, wie leicht es seinem Kameraden fallen würde, in diesem Moment die Lage und seine zunehmende Schwäche auszunutzen und ihn zu erwürgen. Nachher könnte er erzählen, der Schotte sei einfach der Kälte erlegen. Dann würde er Tsorihia bestimmt näherkommen. Mit Hartnäckigkeit und viel Glück würde er vielleicht sogar das versteckte Gold finden.
Der Hurone reagierte seinen Zorn ab, indem er Schnee kratzte und ihn unter sich warf. Alexander lehnte an dem Baumstamm und hörte zu, wie er sich abmühte.
»Warum machst du nicht weiter, Macdonald?«, verlangte Mathias verächtlich zu wissen. »Willst du einfach abwarten, bis dieses Loch zu deinem Grab wird? Hast du keinen Grund zum Kämpfen? Ist Tsorihia der Mühe nicht wert? Oder möchtest du lieber, dass ihr dein letzter Gedanke gilt?«
Sein letzter Gedanke? Mit einem Mal fühlte Alexander sich furchtbar schlecht. Seine Kräfte schwanden, er verspürte quälenden Hunger, und die Kälte überwältigte ihn. Er ließ zu, dass ihm die Augen zufielen. Wie viel Zeit ihnen wohl noch blieb? Er konnte nicht einmal mehr denken.
»Mathias … wenn ich das nicht überlebe … versprich mir … dich um Tsorihia zu kümmern.«
»Wenn du das hier nicht überstehst, Macdonald, dann fürchte ich sehr, dass ich es ebenfalls nicht schaffe! Und ich will dir nicht verhehlen, dass mein letzter Gedanke ihr gelten wird.«
Die Hunde kläfften noch lauter. Alexander hatte den Eindruck, noch ein anderes, schwaches Bellen zu hören. Er sah zu der Schneedecke auf und sah in ihrer Mitte ein schwaches Leuchten. Sein Herz schlug schneller.
»Licht. Da, schau doch!«
Jetzt hatte er wieder Hoffnung. Er richtete sich auf und grub fieberhaft. Schreie drangen zu ihnen. Das Loch über ihnen vergrößerte sich, und diffuses Licht fiel in ihre eisige Zelle. Dann, mit einem Mal, wurden sie geblendet. Unter großem Gebrüll wurden sie nach oben gezerrt. Dann lag Alexander im Schnee, sog frische Luft ein und atmete tief ein und aus. Neben ihm tat Mathias das Gleiche. Die Sonne glitzerte auf den verschneiten Bäumen und strahlte von der makellos weißen Landschaft wider.
Nach und nach gewöhnten ihre Augen sich an das helle Licht. Alexander sah Gestalten, die sich um sie herum zu schaffen machten. Zweifellos Männer, die von einem benachbarten Handelsposten kamen. Einer von ihnen beugte sich zu ihm hinunter. Er war bärtig und trug einen tapabord aus Biberfell sowie eine Schneebrille. Eine kräftige Hand tastete ihm Stirn, Hals und Rippen ab. Er stöhnte. Der Unbekannte fuhr hoch, nahm seine Brille ab und enthüllte grobe Züge, die ihm vage bekannt vorkamen. Dann erkannte er Munro.
»Mac an diabhail …«, murmelte die heisere Stimme seines Cousins. »John
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