Highland-Saga 04 - Dolch und Lilie
allem, was sie sorgfältig getrocknet oder geräuchert hatten, bevor es in einer Speisekammer, die sie in den Boden hineingegraben hatten, gelagert wurde. An den Tagen, an denen die Jagd weniger gut ausfiel, gaben sie sich mit anderen Dingen zufrieden, die ihnen die Natur bot. So lernte Alexander, dass Heuschrecken köstlich sein konnten, wenn man nur die Flügel und die Beine abtrennte, Schlangen wie Hühnchen schmeckten und die schönen dicken Larven, die man in faulen Bäumen fand und an denen sich die Bären ergötzten, gebraten gar nicht so übel waren.
Oft schweifte der Blick des Schotten abends über den Horizont. Er sehnte sich danach, seinen Cousin Munro wiederzusehen. Seit Étienne Lacroix’ Überfall war mehr als ein Jahr vergangen, und ihm gefiel der Gedanke nicht, dass sein Cousin ihn immer noch für tot hielt. Er hatte vor, nach Grand Portage zu reisen, um ihn zu treffen. Aber nach dem, was er über John und dessen Umtriebe gehört hatte, fürchtete er, ihm zu begegnen.
Tsorihia beobachtete ihren Gefährten schweigend und ahnte, welche Gedanken ihn quälten. Er hatte ihr von seinem Cousin und dem Bruder, mit dem man ihn verwechselt hatte, erzählt. Sie wusste, dass John ihm oft im Traum erschien, genau wie diese andere Frau.
Im Morgengrauen stillte er, noch halb im Schlaf, sein Begehren an ihr. Sie sprach dann kein Wort und wartete ab, bis diese quälenden Gefühle, die ihn zeitweilig von ihr entfernten, vergingen und er wieder in die Wirklichkeit zurückkehrte, in der auch sie lebte. ›Der mit den Augen spricht‹ gehörte ihr nicht und würde es niemals tun. Sie wusste es und litt umso stärker, weil sie jeden Tag die Kräuter einnahm, die verhinderten, dass sie schwanger wurde. Er wünschte sich ein Kind von ihr, das hatte er gesagt. Sie selbst könnte gerade noch den Schmerz ertragen, den sie fühlen würde, wenn er fortging. Aber einem kleinen Kind wollte sie diese Pein nicht aufbürden.
An einem verhangenen Morgen im März erlebten sie eine böse Überraschung: Ein Bär, den ein kurzer Temperaturanstieg aus seinem Winterschlaf geweckt hatte, war über ihre Speisekammer hergefallen. Ihre Vorräte waren beträchtlich dezimiert, und sie beschlossen, ein Ojibwa-Dorf aufzusuchen, das sie bei ihren Jagdzügen entdeckt hatten. Bis zu der kleinen Ansiedlung, die nördlich von ihnen am Ufer des großen Sees lag, waren es nur ein paar Meilen. Sie konnten mit dem Hundeschlitten hinfahren und ein paar schöne Felle und vielleicht das alte Reserve-Gewehr mitnehmen, um Maismehl einzutauschen.
Nachdem Alexander die Ladung auf dem Schlitten festgemacht hatte, schirrte er die Hunde an. Neben ihm füllte Mathias die Pulverhörner und verstaute die Munition. Sie hatten ausgelost, wer die Reise machen würde. In ein paar Minuten würden die beiden Männer aufbrechen. Tsorihia hatte gestern Abend ihre Schneeschuhe geflickt und Brillen hergestellt, die sie vor der Schneekrankheit 45 schützen sollten. Selbst unter den schlimmsten Bedingungen sollte die Reise nicht länger als ein paar Tage dauern.
Alexander und Tsorihia umarmten einander zum Abschied und versprachen einander, dass sie sich bald wiedersehen würden. Mathias beobachtete die beiden betrübt. Nonyacha wünschte seinen Kameraden viel Glück. Dann erscholl ein lautes Marchez! , und die aufgeregten Hunde rannten los.
Die beiden Männer brauchten einen ganzen Tag, um das Dorf zu erreichen. Durch die höheren Temperaturen war der Schnee weich, sodass der Schlitten unter seinem eigenen Gewicht einsank und sie häufig stecken blieben. Während sie auf die Hütten zuhielten, beschlich Alexander das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmte. Nach einer Weile sprang es ihm ins Auge: Aus den Rindenhütten stieg kein Rauch auf. Das Dorf war verlassen.
Tiefe Niedergeschlagenheit ergriff sie. Sie biwakierten in einer der verlassenen Hütten und verzehrten die Hälfte ihrer Rationen. Dann rauchten sie ihre Pfeife und beratschlagten lange. Etwa dreißig Meilen trennten sie noch von Grand Portage. Wenn das Wetter so blieb, konnten sie mit ein wenig Glück darauf hoffen, den Posten in zwei Tagen zu erreichen. Die Hunde konnten unter guten Bedingungen etwa fünfundzwanzig Meilen pro Tag zurücklegen.
Am nächsten Morgen erwartete sie ein Sonnenaufgang voll herrlicher Pastellfarben. Das Wetter war gut, und frohen Mutes schirrten sie die Hunde vor den Schlitten, denn sie würden keine Wälder durchqueren müssen. So wie bei den Reisen im Kanu legten sie ungefähr
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