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Himmelsfern

Himmelsfern

Titel: Himmelsfern Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Jennifer Benkau
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zu fragen, ob er an Schutzengel glaubte. Doch sofort tauchte vor meinem inneren Auge Joels Grabstein aus der Dunkelheit auf, um sogleich wieder darin zu versinken. Ein pausbäckiger Engel war in den cremefarbenen Kalkstein gehauen. Als Kind war mir der zur Reglosigkeit verdammte Engel ebenso schaurig vorgekommen wie mein toter Bruder, der irgendwo tief darunter lag. Doch schlimmer war es gewesen, meinen Vater – einen Mann von einem Meter neunzig, dessen Schultern einen Türrahmen ausfüllten – weinend davor auf dem Boden knien zu sehen.
    Â»Noa?« Papa holte mich sanft aus meinen Gedanken, indem er seine warme Hand auf meine Schulter legte. »Alles in Ordnung? Hast du noch Kopfschmerzen? Wir müssen nicht zum Italiener gehen, wenn du nicht möchtest.«
    Ich verbannte den Schutzengel und Joel aus meinem Kopf und zwang ein Lächeln auf meine Züge. »Hast du eine Vorstellung, was man hier zu essen bekommt? Kein Wunder, dass die Patienten türmen.«
    Papa zog die Augenbrauen zusammen, bis es aussah, als hätte er nur eine. »Wer ist denn getürmt?«
    Â»Nicht so wichtig. Lass uns nur endlich von hier verschwinden. Und damit eins klar ist: Ich möchte nicht zum Italiener – ich muss ! Sofort.«
    Mein Vater hatte tatsächlich die Spendierhosen an. Nicht nur dass er mich zu meinem Lieblingsitaliener einlud, der diese fantastische, überteuerte Calzone Speciale auf der Karte hatte. Nein, er parkte unseren Bulli sogar im Parkhaus, statt einen kostenlosen Parkplatz zu suchen und mich ein paar Minuten länger laufen zu lassen. Ich sagte es ihm nicht, aber ich konnte nicht behaupten, dass mir seine übliche Sparsamkeit fehlen würde.
    Wir schlenderten über den Marktplatz und spekulierten, ob das Wetter sich halten würde – für den frühen Nachmittag war ein Gewitter angekündigt. Der Himmel hing jetzt schon schwer und grau wie Blei über der Stadt und die Leute stöhnten unter dem Druck der Hitze. Ich schwitzte in meinem dünnen Sommertop und ärgerte mich, kein Haargummi dabeizuhaben. Mit einem kurzen Zopf hätte mein überhitzter Nacken zumindest Luft abbekommen. So klebten mir die Haarenden im Genick.
    Â»Weißt du noch, wie du als Kind mal da reingefallen bist?« Papa wies auf den Brunnen am Rande des Platzes. Ich blickte in die Richtung, in die er deutete, und obwohl ich mich lebhaft an mein unfreiwilliges Bad erinnerte, hörte ich ihm im nächsten Augenblick kaum noch zu.
    Ein Junge, ungefähr in meinem Alter, hockte dicht neben der Löwenstatue auf der Umrandung des Brunnens und fesselte meine Aufmerksamkeit. Was machte er da? Es sah aus, als tastete er unser Stadtwahrzeichen ab, so wie ein Tierarzt eine betäubte Großkatze nach Verletzungen absucht. Ich ging langsamer. Wonach mochte er suchen? Seine Lippen bewegten sich minimal, er schien mit sich selbst zu reden, denn es war niemand in der Nähe. Die Augen hatte er geschlossen, als koste ihn das, was er tat, viel Konzentration.
    Â»Kennst du den komischen Vogel?«, fragte Papa.
    Leider nicht, lag mir auf der Zunge, denn der Junge sah auf den ersten Blick alles andere als uninteressant aus. Ich mochte es, wenn Jungs die Haare lang trugen. Seine waren länger als meine, sie gingen ihm bis über die Schultern.
    Papa räusperte sich vernehmlich.
    Ich sagte schnell »Nee« und wandte das Gesicht ab, weil der Junge auf dem Brunnen die Augen öffnete. Kurz ärgerte ich mich, mit meinem Vater unterwegs zu sein. Wäre ich allein gewesen … nun gut, dann hätte ich auch weggesehen. Ich wagte noch einen kurzen Blick über die Schulter, registrierte, dass der Junge sich wieder ganz dem steinernen Löwen widmete und dass er ein viel zu großes Sepultura-T-Shirt trug. Papa besaß auch so eins. Unweigerlich musste ich schmunzeln und hakte mich bei ihm unter.
    Kurz darauf, im Angesicht einer duftenden Pizza und eines großen Eistees mit jeder Menge Zitrone, hatte ich den Jungen schon fast wieder vergessen und auch an meinen Schutzengel dachte ich für eine entspannte halbe Stunde nicht.
    Als wir jedoch später über den Marktplatz zurück in Richtung Parkhaus liefen – diesmal eilig, da es von einem Augenblick auf den anderen begonnen hatte, wie aus Kübeln zu schütten –, saß der Junge immer noch am Brunnen. Mit triefenden Haarsträhnen im Gesicht beugte er sich zu dem Löwen, die linke Schulter und den Kopf

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