Honor Harrington 7. In Feindes Hand
hatte. Im Augenblick befand sich Vorland irgendwo auf dem Gut von Mackenzie anstatt an Bord der Alvarez , doch Honor konnte ihm seine Abwesenheit kaum verübeln. Sein einziger Sohn heiratete heute seine dritte Frau, und Vorland traute die beiden persönlich.
Langsam massierte sich Honor die Nasenspitze, während sie die Stärken – und gelegentlichen Schwächen – überdachte, die sich bei ihren neuen Stabsoffizieren bereits bemerkbar machten. Selbst diejenigen, mit denen sie bereits gedient hatte, übten hier neue Funktionen aus, und aus ihren neuen Pflichten erwuchs auch ein anderes Verhältnis zu Honor. Bislang waren die Überraschungen zumeist erfreulicher Natur gewesen, und …
Hinter ihr ertönte ein Geräusch – ein leises Gleiten, gefolgt von einem lauten Platschen, als etwas Flexibles aufs Deck klatschte. Sie wandte gerade noch rechtzeitig den Kopf, um einen breitschultrigen jungen Mann hektisch nach dem Armvoll Ausdruckhefter greifen zu sehen, die ihm soeben heruntergefallen waren. Einen hatte er noch schnappen können, aber die anderen waren seinen Fangbewegungen entgangen wie aufs Ausweichen programmierte Raketen. Mit bemerkenswertem Lärm landeten die restlichen Hefter auf dem Deck, und Honor mußte die Lippen fest zusammenpressen, um nicht breit zu grinsen, als das Gesicht des jungen Mannes die Farbe von roter Beete annahm.
Die Röte zeigte sich in seinem Gesicht überdeutlich, denn Ensign Carson Clinkscales, Honors Flaggleutnant, stand unter dem Fluch des hellen, sommersprossigen Teints, der mit dunkelrotem Haar und grünen Augen einhergeht. Für einen Grayson war er außerordentlich groß – mit hundertneunzig Zentimetern überragte er sogar Honor, was nur sehr wenige Graysons von sich behaupten durften –, doch er war erst einundzwanzig T-Jahre alt. Niemals schien er zu wissen, wohin mit seinen Händen und Füßen, dafür war er sich Honors Ruf und Rang nur allzu bewußt – und das verschlimmerte seine ausgeprägte, welpenhafte Unbeholfenheit noch. In mancherlei Hinsicht erinnerte er Honor an den jungen Aubrey Wanderman, einen Gravtechniker auf ihrem letzten Schiff, der unter Unerfahrenheit und einer Überdosis Heldenverehrung gelitten hatte. Nur hatte Wanderman sich in professioneller Hinsicht keinen einzigen Fehler geleistet, während Clinkscales …
Honor hatte kaum einen Jungoffizier kennengelernt, der sich mehr Mühe gab oder sich gewissenhafter seinen Pflichten widmete; aber Clinkscales nutzte jede – jede – Möglichkeit, eine Tolpatschigkeit zu begehen, mit einer Unausweichlichkeit, die Honor geradezu erstaunlich anmutete. Sie hoffte inständig, daß er seinen Hang zu Katastrophen bald überwinden würde, denn sie mochte ihn sehr – mehr, als sie ihm zu verstehen geben wollte. Indem sie ihn als Flaggleutnant akzeptierte, hatte sie eine ihrer eigenen eisernen Regeln gebeugt. Sie war fest entschlossen, nicht einmal die Andeutung eines Verdachts aufkommen zu lassen, daß Howard Clinkscales’ Neffe bei ihr in irgendeiner Weise eine bevorzugte Stellung genieße. Wenn sie dem Jungen gegenüber gerecht sein wollte, so mußte sie zugeben, daß er das Zeug zu einem guten Offizier hatte; nur sein persönliches Pech würde er noch in den Griff bekommen müssen. Auch wenn er körperlich das absolute Gegenteil von Jared Sutton war, ihrem letzten Flaggleutnant, so erinnerte sie seine anhaltende Schüchternheit und seine Entschlossenheit, alles richtig zu machen, doch sehr an Jared. Honor konnte einfach nicht vergessen, wie der junge Sutton gestorben war, und jedesmal, wenn sie Clinkscales gedankenverloren betrachtete, schien sich Suttons Gesicht vor das des jungen Mannes schieben zu wollen.
Doch heute schwebten keine Geister auf der Flaggbrücke, und Honor hörte Venizelos neben sich glucksend lachen – weder verstohlen noch unfreundlich –, als sich der Ensign hinhockte, um ungeschickt die Hefter aufzuraffen. Der Stabschef ging näher, kniete nieder, um einen verirrten Hefter unter einer Konsole hervorzuziehen, und reichte ihn dem Subalternoffizier.
»Nur keine Hast, mein Junge«, hörte Honor Venizelos sagen, obwohl der Commander seine Stimme gesenkt hatte, damit möglichst nur Clinkscales ihn verstehen konnte. »Sie hätten erst mal mein erstes Desaster auf der Brücke eines Sternenschiffs sehen sollen. Sie lassen nur Hefter fallen; mir ist eine Tasse Kaffee aus der Hand gerutscht – mit Milch und zwo Stücken Zucker –, und zwar genau in den Schoß des Eins-O!«
Clinkscales starrte
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