Hueter der Erinnerung
Aber jede Situation ist anders. Es gibt keine Erinnerung an eine Situation, die deiner ähnlich
wäre.«
»Ich werde gut aufpassen«, hatte Jonas versprochen. »Niemand wird mich sehen.«
»Als auszubildendem Hüter wird dir ohnehin großer Respekt gezollt. Deshalb würdest du vermutlich nicht sehr streng verhört
werden.«
»Ich würde einfach behaupten, ich müsse für den Hüter einen wichtigen Auftrag ausführen. Ich würde ihnen sagen, dass es Eure
Schuld ist, dass ich zu so später Stunde noch unterwegs bin«, hatte Jonas den Geber geneckt.
Beide hatten etwas nervös gelacht. Aber Jonas war davon überzeugt, dass es ihm gelingen würde, sich ungesehen und mit ein
paar Kleidungsstücken aus dem Haus zu schleichen. So leise wie möglich würde er mit seinem Rad ans Ufer fahren, es dort in
den Büschen verstecken und die zusammengefalteten Kleidungsstücke danebenlegen. Danach würde er sich zu Fuß durch die Dunkelheit
zum Anbau schleichen.
»Nachts ist keine Pförtnerin da«, hatte ihm der Geber versichert. »Ich lasse die Tür offen. Du kommst einfach herein. Ich
werde auf dich warten.«
Am Morgen würden die Eltern entdecken, dass er verschwunden war. Auf Jonas’ Bett würden sie einen Zettel finden mit der Nachricht,
dass er eine morgendliche Fahrt am Fluss entlang unternommen hatte, bis zur Zeremonie jedoch zurück sein würde.
Seine Eltern würden sich vielleicht ein bisschen ärgern, sich aber bestimmt keine Sorgen machen. Sie würden sich höchstens
überlegen, wie sie ihn für sein unbedachtes Verhalten bestrafen sollten.
Sie würden mit wachsendem Ärger auf ihn warten; schließlich aber würden sie sich mit Lily – undohne ihn – auf den Weg zur Zeremonie machen müssen.
»Sie würden aber noch niemandem etwas von meinem Verschwinden sagen«, hatte Jonas mit Bestimmtheit behauptet. »Sie würden
meinen Regelverstoß noch nicht publik machen, weil das ein schlechtes Licht auf ihre erzieherischen Fähigkeiten werfen würde.
Und überdies wird die Zeremonie alle Welt so in Atem halten, dass meine Abwesenheit vermutlich niemandem auffällt. Als Zwölfer
muss ich ohnedies nicht mehr bei meiner Altersgruppe sitzen. Deshalb wird Asher denken, ich wäre bei meinen Eltern oder bei
Euch …«
»Während deine Eltern annehmen werden, dass du bei Asher oder bei mir sitzt …«
Jonas zuckte mit den Schultern. »Es wird eine geraume Weile dauern, bis allen klar ist, dass ich nicht anwesend bin.«
»Und bis dahin werden wir beide längst unterwegs sein.«
Am frühen Morgen würde der Geber beim Sprecher ein Fahrzeug samt Chauffeur bestellen. Es kam des Öfteren vor, dass er die
umliegenden Gemeinschaften besuchte, um sich mit deren Ältesten zu besprechen. Seine Verantwortung erstreckte sich auch auf
die umliegenden Gemeinschaften. Folglich wäre das Ganze absolut kein ungewöhnliches Unterfangen.
Normalerweise wohnte der Geber der Dezember-Zeremonienicht bei. Letztes Jahr war er nur wegen Jonas’ Ernennung anwesend gewesen, da sie ihn unmittelbar betraf. Doch normalerweise
hatte sein Leben wenig Berührungspunkte mit dem der anderen Bürger. Niemand würde sich wundern, dass er nicht anwesend war
oder dass er ausgerechnet diesen Tag für seine Exkursion gewählt hatte.
Wenn das Fahrzeug ankäme, würde der Geber den Chauffeur auf einen kurzen Botengang schicken. Während seiner Abwesenheit würde
der Geber Jonas helfen, sich im Kofferraum des Fahrzeugs zu verstecken. Jonas würde einen Beutel mit Vorräten bei sich haben,
die sich der Geber während der Tage vorher von seinem Essen absparen würde.
Wenn die Zeremonie begann und die ganze Gemeinschaft im Auditorium versammelt war, würden Jonas und der Geber sich auf den
Weg machen.
Bis gegen Mittag würde Jonas’ Verschwinden jedoch allgemein bemerkt werden. Die Leute würden sich ernsthafte Sorgen machen.
Die Zeremonie würde jedoch unter keinen Umständen unterbrochen werden – so etwas wäre undenkbar! Aber ein Suchtrupp würde
ausgeschickt werden.
Bis sie schließlich das Fahrrad und die Kleidungsstücke fänden, wäre der Geber wieder zurück. Jonas hingegen wäre bereits
auf dem Weg nach
Anderswo.
Bei seiner Rückkehr würde der Geber die Gemeinschaft in heller Aufregung und in Panik antreffen.Angesichts einer Situation, die die Bürger noch niemals hatten meistern müssen, und der Tatsache, dass sie über keine Erinnerungen
verfügten, aus denen sie Trost hätten schöpfen können,
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