Idol
mich nicht berührt.«
»Wer hat dich hier angebunden?«
»Der Einäugige. Er hat mich im Spiel gewonnen, und ich habe ihn gestochen.«
Der blonde Emir schien nachzudenken; mit leiser Stimme sprach er lange zu seinem Ersten Offizier. Folletto hatte mir erzählt,
der Emir und er selbst seien Römer, die Mannschaft komme aus Venedig. Der Emir kannte die Venezianer zu gut, um sie durch
übereiltes Handeln gegen sich aufzubringen.
Schließlich befahl er Folletto, mich loszubinden, und der Erste Offizier sollte den Einäugigen holen. Die Stricke waren so
festgezurrt, daß sie mir ins Fleisch schnitten, und ich konnte mich, ihrer ledig, kaum auf den Beinen halten. Der Emir hieß
den Schiffsjungen, mir zu trinken zu geben und mir beim Anziehen zu helfen. Die ganze Zeit wandte er kein Auge von mir. Seine
Augen gefielen mir, mal waren sie zartblau wie der Morgenhimmel, mal – wenn er ärgerlich wurde – stahlblau wie eine Klinge.
Als der Einäugige erschien, zog er mit einer tiefen Verbeugung seine Mütze vor dem Emir, redete ihn mit »Durchlaucht« an,
sprach aber wie ein Mann, der sich im Recht glaubt: »Durchlaucht wissen genau, daß eine erbeutete Frau der Mannschaft gehört.
Die da gehört mir. Ich habe sie beim Würfeln gewonnen.«
»Das ist eine Wespe. Sie hat dich gestochen. Und sie wird dich wieder stechen.«
»Sie wird mich nicht mehr stechen, denn ich werde sie zerquetschen.«
»Dann hast du nichts von ihr. Verkauf sie mir.«
»Mit Verlaub, Durchlaucht«, sagte der Einäugige und guckte mich böse an, »ich will sie lieber zerquetschen.« Der blonde Emir
wandte sich an seinen Ersten Offizier: »Ruf sofort die Mannschaft zusammen!«
Alsbald waren die Matrosen im Kreis um uns versammelt, und der Emir sagte:
»Dieses Mädchen ist eine Wespe. Sie hat den Einäugigen gestochen, er will sie deshalb zerquetschen, nachdem ihr euern |80| Spaß mit ihr hattet. Ich möchte sie ihm abkaufen. Wenn er einwilligt, zahle ich jedem von euch zehn Dukaten als Entschädigung.«
Wie Folletto mir später erklärte, hatte der Emir nicht zufällig von zehn Dukaten gesprochen. Das war der Preis einer berühmten
Dirne in Venedig, wo die Galeere bei gutem Wind in drei oder vier Tagen einlaufen sollte.
Der Vorschlag wurde von den Matrosen einstimmig begrüßt, und der Einäugige begriff, daß für ihn der Moment zum Einlenken gekommen
war. Sonst hätte er nicht nur den Emir, sondern auch seine Kameraden gegen sich.
»Durchlaucht«, sagte er mit einer zweiten Verbeugung, »da Ihr zu meinen Gefährten so großzügig seid, will ich es auch zu Euch
sein. Ich verkaufe Euch die Wespe für fünfhundert Dukaten.«
»Fünfhundert! Teufel nochmal!« rief der Emir. »Deine Großzügigkeit kommt mich teuer zu stehen!«
Dabei lächelte er und schien mich mageres Kätzchen abzuwägen.
»Der Preis wiegt schwer, die Ware leicht …«, sagte er. Die Männer lachten über diesen Witz, nur der Einäugige blieb ungerührt
und wollte von der geforderten Summe nichts nachlassen.
»Durchlaucht, der Preis einer Ware läßt sich nur an dem Vergnügen messen, das man sich von ihrem Besitz verspricht.«
»Sieh einer an, gar nicht dumm, Meister«, erwiderte der Emir. »Du bekommst deine fünfhundert Dukaten, der Erste Offizier wird
sie dir sofort vorzählen.«
Der kam tatsächlich nach kurzer Zeit mit einem großen Jutesack, ließ sich auf einem Schemel hinter einem quergelegten Faß
nieder und zählte jedem der Männer zehn, dem Einäugigen fünfhundert Dukaten vor.
In meinem ganzen Leben hatte ich noch nie so viele Goldstücke gesehen. Ich fragte Folletto leise, warum der Emir solch ein
Vermögen hergebe.
»Na, um dich loszukaufen«, sagte er auf arabisch.
»Um mich loszukaufen?« wunderte ich mich. »Der Emir brauchte dem Einäugigen doch nur die Kehle durchzuschneiden?«
»Nein, nein«, lachte Folletto, »so einfach ist das in Venedig nicht. Dort wird verkauft und gekauft.«
|81| Der Emir stellte Folletto, den er als Dolmetscher brauchte, in meinen Dienst, und so entging der arme Junge fortan der Geilheit
und den Mißhandlungen der Besatzung. Auf Weisung des Emirs lehrte er mich Italienisch, so wie es in Rom gesprochen wurde,
nicht wie in Venedig. Ich machte rasch Fortschritte, denn ich wollte leidenschaftlich gern meinen neuen Herrn verstehen und
mich ihm verständlich machen. Folletto erklärte mir, daß sein eigener Name eigentlich ein Spitzname sei und »Kobold« bedeute.
Sicher war es ein Versehen
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