Idol
und war sehr erstaunt, daß
der Kardinal seine Nichte nicht umgehend entließ, wie er es sonst nach meinem Hinweis immer tat. Ich schwankte, ob ich ihn
noch einmal mahnen sollte, aber weil er schon tags zuvor meinen »Übereifer« gerügt hatte, unterließ ich es. Und das sollte
mir schlecht bekommen, denn Schlag fünf Uhr trat Fürst Orsini, Herzog von Bracciano, mit seinen langen schnellen Schritten,
die immer den Anschein erweckten, er wolle zum Sturmangriff übergehen, in das Zimmer – niemand hatte ihn angekündigt, wir
hatten ja keinen Majordomus.
Der Fürst schritt auf den Kardinal zu, ein höfliches Lächeln auf den Lippen, als er plötzlich Vittoria bemerkte. Er blieb
abrupt stehen, schien wie betäubt, erbleichte, starrte sie an und war keines Wortes fähig. Der dicke Teppich auf dem Fliesenboden
hatte das Geräusch seiner Schritte verschluckt, so daß Vittoria ihn nicht hatte kommen hören. Mit ihrer klaren, singenden
Stimme las sie weiter aus den »Bekenntnissen«, bis Seine Eminenz sie mit nur mühsam unterdrücktem Ärger aufforderte:
»Vittoria, laßt uns jetzt bitte allein. Ich habe mit dem Fürsten Orsini zu reden.«
Vittoria schaute auf, bemerkte Bracciano und erhob sich. Das Buch entglitt ihren Händen, sie sah es mit Bestürzung zu Boden
fallen, doch ihr Blick kehrte zu Bracciano zurück. Sie sah ihn unverwandt an, während sie mit zitternder Stimme zum Kardinal
sagte:
»Mein Vater, bitte verzeiht mir mein Ungeschick.«
»Schon gut, schon gut«, antwortete der Kardinal mit blitzenden Augen. »Rossellino wird es aufheben. Rossellino, begleitet
Vittoria hinaus!«
Unschlüssig, welchen der beiden Befehle ich zuerst ausführen sollte, zögerte ich einen Augenblick, als er mich auch schon
wütend anfuhr:
»Seid Ihr genauso taub wie stumm, Rossellino? Ihr sollt Vittoria hinausbegleiten!«
Diese schien aus ihrer Trance zu erwachen, küßte ihrem Onkel mechanisch die Hand, schritt mit gesenkten Augen an dem |76| regungslosen Fürsten vorbei und trat durch die Tür, die ich ihr aufhielt. Sie ging vor mir her, erst an der Treppe holte ich
sie ein und war mit ihr auf gleicher Höhe, als sie hinabzusteigen begann. Die Spitzen ihres goldenen Haars berührten die Stufen.
Ihre linke Hand auf dem Marmorgeländer zitterte, und als ich mich vor der Hoftür von ihr verabschiedete – ihre Kammerfrau
kam ihr mit der Maske und dem weiten Cape, unter dem sie ihr Haar verbarg, entgegen –, schenkte sie mir nicht das gewohnte
freundliche Lächeln. Die Kammerfrau legte ihr das Cape um die Schultern, Vittoria setzte selbst die Maske auf, bevor sie die
Kapuze hochschlug. Sie schob die Halbmaske aus schwarzem Samt mit drei kleinen Brillanten zwischen den Augen zunächst auf
die Stirn, um das Band im Nacken besser befestigen zu können. Ihre Augen waren halb geschlossen, ihr schönes Gesicht erschien
mir bleich und völlig ausdruckslos. Als sie die Samtmaske endlich über ihr Gesicht zog, hatte ich den Eindruck, eine Maske
aus Stoff verdecke eine Maske aus Fleisch und Blut.
Aziza, die Wespe:
Ich bin in Tunis geboren, meine Eltern sind Mauren, wie man hierzulande sagt. Mit zehn Jahren wurde ich am hellichten Tag
aus der Medina von Banditen entführt und an einen Piraten verkauft, der, sowie ich an Bord war, unter Segel ging, um entlang
den Küsten des Adriatischen Meeres Freibeuterei zu betreiben. Er hieß Abensur. Er hatte mich nicht als eine Ware zum Weiterverkaufen
erworben, sondern wollte sich während seines gefahrvollen Unternehmens in seinen Mußestunden an mir erfreuen.
Abensur war gläubig und auf seine Art ein gewissenhafter Mann. Als er von mir erfuhr, daß ich noch nicht voll entwickelt war,
schwor er, mich nicht zu entjungfern, bevor ich nicht die Regel hätte. Und er schenkte mir einen kleinen Dolch, damit ich
mich gegen die Handgreiflichkeiten der Matrosen zur Wehr setzen könne. Ich bin schon immer lebhaft und behend wie ein Äffchen
gewesen. Zweimal mußte ich nach einer Hand stechen, die mir zu nahe kam. Von da an belästigte mich niemand mehr, und alle
nannten mich »die Wespe«.
Die Winde der Adria sind noch launischer als die des Mittelmeeres; |77| mal fauchen sie wie die Furien, dann flauen sie ab. Als Abensur am Horizont die venezianischen Galeeren auftauchen sah, befahl
er zu wenden, und die Tartane flog vor dem Wind über die Wellen. Doch nach einer Stunde legte sich der Wind, wir kamen nicht
mehr vom Fleck, und die
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