Idol
nach meinem fünfundzwanzigsten
Geburtstag zwingen, zwischen zwei Gefängnissen zu wählen: Ehe oder Kloster. Aber im Falle von Vittoria war es seine große
Liebe zu ihr, die ihn, zu Recht, das Schlimmste befürchten ließ; und bei einem Rest von Ehrlichkeit hätte Vittoria nicht auf
den Gedanken verfallen dürfen, er habe grundlos so gehandelt.
Aber so ist dieses unglückliche Geschlecht, dem ich angehöre: ganz Sinnenlust und Leidenschaft! Eine kurze Begegnung mit diesem
schönen Krieger, ein Brief – gelesen und verbrannt –, und alles ändert sich. Der gütige, zärtliche Francesco ist nur noch
der grausame Ehemann, der Kardinal ein schrecklicher Tyrann. Und ich, ihre älteste Freundin, bedeute ihr nichts mehr, wenn
ich ihr Tun nicht vorbehaltlos gutheiße.
Ich sehe sie an. Wie schön sie ist in ihrem schlichten, weiten Morgenkleid und mit dem langen Haar, das ihr hinterherweht.
Denn seit Francesco uns verlassen hat, läuft sie mit großen Schritten im Zimmer auf und ab, und ihre goldene Haarpracht bewegt
sich im Rhythmus ihrer unruhigen Schritte bei jeder Kehrtwendung wie ein Cape um die Schultern. Was für ein wunderbares Geschöpf!
Welche Harmonie in ihren Formen, Proportionen und in den Zügen ihres Gesichts! Wieviel Energie in ihren Bewegungen!
Ich sitze schweigend in einer Ecke des Zimmers, die Hände im Schoß, und betrachte Vittoria mit gemischten Gefühlen. Obwohl
mich ihre Schönheit einerseits niederdrückt – welche Frau würde sich ihr nicht unterlegen fühlen? –, bewundere ich sie, wie
alle Welt, von ganzem Herzen. Doch diese neue Vittoria, die mit all ihren früheren Gefühlen tabula rasa macht und sich in
ihrem Zerstörungswerk so hart, so unerbittlich zeigt, erschreckt mich.
Sie bleibt vor mir stehen, sieht mich von oben bis unten an und sagt beinahe aggressiv:
»Du sagst ja gar nichts. Was hältst du von dem Ganzen? Sprich endlich!«
Ich schaue sie an. Jetzt bin ich an der Reihe, glaube ich. Sie hat mir nichts von dem Brief erzählt, sie hat mir kein Vertrauen
geschenkt, fordert es aber jetzt von mir. Und in welchem Ton! |143| Sie vergißt nur eins: ich bin kein Mann. Ihre Schönheit rührt mich, macht mich jedoch nicht blind. Ich bin auch nicht feige.
Ich habe genauso scharfe Krallen wie sie.
»Ich schweige, Vittoria«, antworte ich sanft, »weil man mich nicht informiert hat. Ich weiß dazu nichts zu sagen.«
»Aber du siehst doch, wie ich behandelt werde!«
»Ja, das sehe ich. Man bewacht dich, als drohe dir eine große Gefahr. Was für eine Gefahr das sein soll, weiß ich nicht.«
»Es besteht gar keine Gefahr«, sagt sie.
»Der Kardinal und dein Mann scheinen anderer Meinung zu sein.«
»Hat Francesco mit dir darüber gesprochen?«
»Nein«, entgegne ich lebhaft, »er ist wie du: absolut verschwiegen in dieser Angelegenheit. Allerdings …«
»Allerdings?«
»… habe ich bemerkt, daß er vorhin heftig zusammenzuckte, als du sagtest, du seiest nicht schuldig.«
»Ich bin auch nicht schuldig«, schreit sie, aufs äußerste erzürnt.
»Wer wüßte das besser als du?« sage ich gelassen.
»Und du!« pariert sie und sieht mich mit blitzenden Augen an. »Du, die du meine Gedanken besser zu kennen scheinst als ich
selbst!«
»Ach, Vittoria, diesen Ehrgeiz habe ich nicht. Und wenn es so wäre, ich also in deinem Herzen lesen könnte, würde sich unser
Gespräch erübrigen.«
Sie zieht die Schultern hoch, preßt plötzlich beide Hände an die Schläfen und sagt gereizt:
»Mein Haar ist mir zu schwer. Es verursacht mir schreckliche Kopfschmerzen. Mein Entschluß steht fest: ich werde es abschneiden.«
»Der Zeitpunkt ist vielleicht nicht gut gewählt, deinen schönsten Schmuck zu opfern.«
»Was willst du damit sagen?«
»Das, was ich sage, weiter nichts.«
Sie sieht mich feindselig an und beginnt wieder, im Zimmer auf und ab zu gehen, bleibt aber nach einer Weile vor mir stehen
und sagt:
»Dieses Gespräch ermüdet mich. Laß mich bitte allein, Giulietta.«
|144| Ich verlasse sie. Am Nachmittag überbringt mir Caterina ein paar knappe Zeilen von ihr:
»Liebste Giulietta, bitte enthalte Dich für die Dauer meines Aufenthaltes in Santa Maria jeglicher Besuche in meinem Zimmer.
Außerdem wäre ich Dir sehr verbunden, wenn Du Francesco bei den Mahlzeiten Gesellschaft leisten könntest, da ich sie nicht
mit Euch einzunehmen gedenke.
Herzlich, Vittoria«
Ich bewundere das »liebste Giulietta« und bewerte auch das
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