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Idol

Idol

Titel: Idol Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: R Merle
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dagegen sitze untätig auf meinem Stuhl, bewege die Hände im Schoß und
     muß meinen Drang, aufzustehen und herumzugehen, unterdrücken. Denn ich bin nur die Zofe, nicht die Herrin. Wenn die Signora
     ihre Nervosität nicht mehr beherrschen kann, läuft sie hin und her, und keiner wagt, etwas dagegen zu sagen. Wenn ich es ihr
     aber nachmachen will, heißt es gleich, ich sei zu unruhig und ginge ihr auf die Nerven.
    Minuten verstreichen, vielleicht sogar Stunden, wer weiß. Nur die Signora hat eine Uhr, und ich darf sie natürlich nicht nach
     der Zeit fragen. Auf jeden Fall muß es sehr spät sein. Die Kerzen an den Fenstern brennen langsam nieder, ihre hohen Flammen
     flackern im Windzug. Die Lichter sind schon zu einem guten Drittel aufgebraucht, ihre Dochte rauchen; endlich finde ich Beschäftigung:
     ich stehe auf, um sie zu putzen. Dann fache ich die beiden Feuer wieder an und lege frisches Reisig auf. Damit verrate ich
     mich: selbst im Winter wird zur Schlafenszeit die Glut mit Asche bedeckt und kein Holz mehr nachgelegt. Die Signora sieht
     meinem Tun zu, stellt aber keine Fragen.
    Ich setze mich wieder, und während die Zeit verrinnt, werde ich halb verrückt vor Angst. Ja, ich bin nie auf einem Schiff
     gewesen, aber als Fischerstochter habe ich genug Geschichten über Unwetter und Schiffbrüchige gehört.
    Die Signora dreht sich zu mir um:
    »Warum gehst du nicht zu Bett, Caterina?«
    Die gleiche Frage könnte ich ihr stellen: noch nie ist sie so lange aufgeblieben.
    »Ich bin nicht müde, Signora.«
    Unsere Blicke treffen sich, sie sieht weg, und wir schweigen beide. In dieser Welt dürfen nur die Männer die Wahrheit sagen.
     Den Frauen wird von klein auf Verstellung beigebracht. Und so sitzen wir scheinheilig nebeneinander und wissen, weshalb wir
     zittern. Denn auch sie ist sehr beunruhigt, das sehe ich wohl. Nur beherrscht sie ihren Körper besser als ich. Doch sie sieht
     angespannt und ängstlich aus. Das Buch auf ihren Knien ist überflüssig geworden: sie tut nicht einmal mehr so, als lese sie.
    Plötzlich lautes Klopfen und Rufen an der Tür:
    »Macht auf! Macht auf! Ich bin’s, Marcello!«
    |161| Ich eile zu öffnen; Marcello wankt herein, tropfnaß, das Wams zerrissen, eine Wange blutüberströmt.
    »Helft mir den Fürsten tragen«, kommt es stoßweise aus ihm heraus, »er ist gestürzt.«
    »Ist er tot?« schreit Vittoria.
    »Nein, nein«, sagt Marcello.
    Die Signora nimmt sich nicht die Zeit, einen Mantel überzuwerfen, sondern rennt wie von Sinnen hinaus, wo ihr Sturm und Regen
     sofort heftig um die Ohren klatschen. Marcello läuft mir voraus, und zu dritt schaffen wir es mit Mühe, den großen schweren
     Körper ins Haus zu tragen und vorm Feuer niederzulegen. Mit großer Erleichterung schließe ich hinter uns die Tür. Vittoria
     kniet bereits auf dem Teppich und hat Orsinis Kopf angehoben und an ihre Brust gelehnt.
    »Er ist nur ohnmächtig«, sagt Marcello. »Als er vor mir die Stufen hinaufstürmte, ist er gestürzt und auf sein krankes Bein
     gefallen. Der Schmerz hat ihn besinnungslos gemacht.«
    Wir sind pudelnaß, und ich sehe mit Schrecken die verfilzten und vom Regen verklebten blonden Locken der Signora.
    »Wir müssen ihn ausziehen«, bestimmt Marcello, »er erkältet sich sonst.«
    »Ihr seid verwundet, Signore«, sage ich zu Marcello, »Ihr blutet an der Wange.«
    »Das ist nichts weiter. Eine Welle hat mich mit dem Kopf gegen einen Felsen geschleudert.«
    »Eine Welle?« frage ich. »Ihr seid also nicht mit einem Boot gekommen?«
    Trotz seiner blutüberströmten Wange findet er noch die Kraft zu lachen:
    »Es ist zerschellt, als wir in die Felsbucht einliefen.«
    »Hilf mir doch, Caterina!« sagt die Signora ungeduldig. »Du schwatzt zuviel.«
    Ich helfe ihr beim Entkleiden des Fürsten, was bei seinem Körpergewicht nicht einfach ist. Als wir es endlich geschafft haben,
     frottieren wir ihn ab. Er ist ein sehr schöner Mann. Wie eine Statue: muskulös und wohlgestalt. Seine Wunde am Schenkel blutet,
     doch langsam kehrt die Farbe in sein Gesicht zurück, und er bewegt die Augenlider.
    »Mach Wein heiß, Caterina, und gib ihm den«, befiehlt die Signora.
    |162| Sie steht auf, zieht den roten Seidenvorhang zu und begibt sich auf die andere Seite. Ich gieße Wein in einen Zinnbecher,
     tue ein Stück Kandiszucker dazu und stelle ihn auf die Steine über der Glut.
    »Lösch die Kerzen aus, Caterina«, verlangt Marcello. »Das hat der Fürst dem Kapitän der Galeere

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